Deutsch - Dr. Ali Fathollah-Nejad • Official Website - Page 2
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Weil wir Frieden wollen, müssen wir die Politik in die eigenen Hände nehmen

Wir leben in einer Zeit größter Verunsicherung durch die dramatische weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise, verbunden mit Demokratieabbau und der Androhung neuer Kriege. Als Rechtfertigung für militärische Interventionen
werden humanitäre Ziele vorgeschoben.

Den wirtschaftlich und politisch Herrschenden müssen Kriegsabenteuer wie in Afghanistan, Irak und Libyen unmöglich gemacht werden. Militärischen Interventionen gegen Syrien und den Iran widersetzen wir uns.

Wir fordern den sofortigen und bedingungslosen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und von allen anderen Auslandseinsätzen. Wa ffenexporte sind zu verbieten. Der konfliktreiche Nahe und Mittlere Osten ist in eine atomwaffenfenfreie Zone umzuwandeln. Atomwaffen müssen weltweit vernichtet werden.

Wir stellen uns dem Werben für Militär und Krieg entgegen. Es ist für uns unerträglich, dass Krieg wieder als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln gelten soll. Wir bestehen auf der Einhaltung des Völkerrechts und der UNO-Charta mit ihrem strikten Gewaltverbot. Angesichts unserer Geschichte sehen wir uns in besonderem Maße zur Wachsamkeit verpflichtet. Das schließt den Kampf gegen Rassismus, Neonazismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit mit ein. Wir wollen Frieden, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, Demokratie und ökologische Vernunft
durchsetzen.

 

QUELLE

Frankfurter Rundschau, 24. Dezember 2011;

Neues Deutschland, 24. Dezember 2011;

junge Welt, 24. Dezember 2011.

 

Eine KSZE für den Nahen Osten? | A New Security Architecture for the Middle East?

For the English version, please scroll down.

»Arabischer Frühling« zeigt: Druck der Zivilgesellschaft wirkt

 

Ali Fathollah-Nejad von der School of Oriental and African Studies (SOAS) der Universität London ist Mitglied der Initiative für eine Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit im Mittleren und Nahen Osten (KSZMNO). Ein Hauptziel ist die Schaffung einer kernwaffenfreien Zone. Mit dem Politologen sprach für »nd« Thomas Kachel.

ND: Die KSZMNO ist eine Initiative für die Beförderung des Friedens in Nahmittelost durch zivilgesellschaftliche Akteure. Wie kam es dazu?

Fathollah-Nejad: Die Initiative wurde in Deutschland schon vor einigen Jahren vom Friedensforscher Mohssen Massarrat gemeinsam mit den deutschen Sektionen der IPPNW (Ärzte gegen den Atomkrieg) und IALANA (Rechtsanwälte gegen den Atomkrieg) angestoßen. Nach Jahrzehnten gewaltsamer Konflikte in der Region wollten die Initiatoren nicht länger warten und beschlossen, zivilgesellschaftliche Akteure aus allen betroffenen Ländern zusammenzuführen, um eine Perspektive in Frieden, Sicherheit und Zusammenarbeit zu fördern – was die staatlichen Akteure bislang sträflich vernachlässigt haben. Nach einer ersten Tagung im Januar fand kürzlich an der Londoner SOAS eine zweite statt.

Wer nimmt daran teil und worin besteht ihr nächstes konkretes Ziel?

Wir haben bisher zivilgesellschaftliche Kräfte aus nahezu allen Ländern der Region versammeln können. Sie alle eint der Wunsch, aus dem Teufelskreis gegenseitiger rüstungsbasierter Abschreckung auszubrechen und stattdessen eine regionale Zusammenarbeit zu erreichen. Der KSZMNO-Prozess umfasst neben der Sicherheitspolitik eine Reihe weiterer Kooperationsfelder, unter anderem in den Bereichen sozio-ökonomische Entwicklung, grenzübergreifendes Ressourcenmanagement, interkultureller und interreligiöser Dialog und Gesundheit. Wir hoffen, dass die nächste Fachtagung in der Region selbst stattfindet. All dies mit der Aussicht, in naher Zukunft eine Gründungskonferenz des zivilgesellschaftlichen KSZMNO-Prozesses zu veranstalten.

Für 2012 ist eine erste UN-Konferenz zur Schaffung einer von Massenvernichtungswaffen freien Zone in Nahmittelost geplant. Wir wünschten, dass dort exakte Schritte zur Realisierung dieses Ziels bestimmt und zivilgesellschaftliche Gruppen einbezogen würden.

Was stand im Mittelpunkt der jüngsten Tagung?

Wichtigstes Thema war der »Arabische Frühling«, der gezeigt hat, dass die abwertend als »arabische Straße« abgetanen Gesellschaften nicht etwa passive Objekte autoritärer Herrschaft sind, sondern als Zivilgesellschaft offensiv für ihre Belange eintreten können. Diese Entwicklung gibt auch unserer Initiative Rückenwind, zumal deutlich wird, dass zivilgesellschaftlicher Druck fruchten kann.

Besorgnis rief vor dem Hintergrund des sogenannten Nuklearstreits ein etwaiger israelischer Angriff auf Iran hervor – ein Thema, das momentan wieder Schlagzeilen macht. Daher auch der Wunsch, beide Parteien im Rahmen der genannten UN-Konferenz an einen Tisch zu bekommen.

Im Westen werden Mahnungen zum friedlichen Umgang mit Iran oft gleichgesetzt mit Parteinahme für Mahmud Ahmadinedschad.

Ich denke, dass solch eine abenteuerliche Behauptung längst ihr Verfallsdatum erreicht hat. Friedliches und faires, am Völkerrecht orientiertes Handeln bedeutet ja nicht »Appeasement«, wie die Neokonservativen behaupten. Denn Fakt ist, dass Wirtschaftssanktionen und Kriegsdrohungen – also das Ausbleiben einer Konfliktlösung – der Zivilgesellschaft enorm geschadet haben, während die gegenwärtige Machtkonfiguration zementiert wurde. Vielmehr verspricht eine Kurskorrektur die Schwächung der Hardliner auf allen Seiten.

 

QUELLE

Fathollah-Nejad, Ali (2011) Eine KSZE für den Nahen Osten? »Arabischer Frühling« zeigt: Druck der Zivilgesellschaft wirkt, Interview durch Thomas Kachel, Neues Deutschland, 8. November, S. 8;

▪ wiederveröffentlicht auf ZNet Deutschland, 9. November;

wiederveröffentlicht auf blackandwhitenachrichten, 24. Januar 2013.

 

* * * * *

A Conference for Security and Cooperation for the Middle East?

»Arab Spring« demonstrates that civil-society yields results

Ali Fathollah-Nejad from the School of Oriental and African Studies (SOAS) of the University of London is member of the initiative for a civil-society Conference for Security and Cooperation in the Middle East (CSCME). One of its key aims is the creation of a zone free of weapons of mass destruction. Thomas Kachel spoke to the political scientist.

The CSCME is an initiative for the promotion of peace in the Middle East through civil-society actors. How did it come about?

The initiative was spearheaded some years ago in Germany by peace researcher Mohssen Massarrat in collaboration with the German branches of the International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) and the International Association of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA). After decades of violent conflicts in the region, the initiators chose not to sit down and wait anymore, rather decided to assemble civil-society actors from all countries concerned in order to promote the perspective for peace, security and cooperation – something state actors have carelessly neglected so far. After a first workshop in January, a second one has been held at SOAS in London by late October.

Who are the participants and what are their next concrete goals?

So far we have been able to bring together civil-society forces from almost all countries of the region. They are unified in the desire to break out from the vicious cycle of armament-based deterrence and instead bring about regional cooperation. In addition to security policy, the CSCME process comprises a number of fields for cooperation, among others in the areas socio-economic development, cross-border resource management, inter-religious and -cultural dialogue, and health. We hope that the next expert conference will be taking place in the region itself. All of that in view of holding a founding conference for the civil-society CSCME process in the near future.

For 2012, the first United Nations Middle East WMD-Free Zone Conference is planned. Our desire is that concrete steps towards the realization of that aim will be defined and civil-society groups involved.

What has been the focus of the recent workshop?

The most important topic was the “Arab Spring” which showed that the pejoratively dismissed “Arab Street” is not a passive object of authoritarian rule, but that civil societies can offensively fight for their own needs and interests. This development has also emboldened our initiative as it demonstrates that civil-society pressure can yield results.

Against the background of the so-called nuclear crisis, a potential Israeli attack on Iran raised concerns – a subject now again in the headlines. Hence, the desire to bring both parties to the table in the framework of the said UN conference.

In the West, appeals for a peaceful approach towards Iran are often equated with partisanship for Mahmoud Ahmadinejad.

I believe such an adventurous claim has long exceeded its expiry date. A peaceful and fair approach, respecting international law, can of course not be put on the same level as “appeasement” as assumed by neoconservatives. The fact of the matter is that economic sanctions and the threat of war – in other words, the lack of conflict resolution – have enormously damaged civil society, while the current power configuration has been cemented. In fact, reversing such a course of action promises to weaken hardliners on all sides.

SOURCE

Fathollah-Nejad, Ali (2011) “A New Security Architecture for the Middle East?“,Fair Observer, 13 December;

▪ also published as “A Conference for Security and Cooperation for the Middle East?“, Monthly Review Webzine, 15 December;

republished on Europe’s World, 24 December.

[Translation from “Eine KSZE für den Nahen Osten? »Arabischer Frühling« zeigt: Druck der Zivilgesellschaft wirkt“, Interview by Thomas Kachel, Neues Deutschland (Germany), 8 November 2011, p. 8.]

Das Sanktionsregime gegen den Iran: Entstehungsgeschichte und Auswirkungen

Sanktionen, ob wirtschaftlicher und/oder politischer Natur, gelten als Instrument zur Erwirkung von Zugeständnissen beim politischen Opponenten. Zumeist wird versucht, dieses Ziel dadurch zu erreichen, dass dem sanktionierten Staat oder der jeweiligen tonangebenden Machtelite das Einkommen beschnitten wird. Um eben jenen Kurswechsel beim Adressaten herbeizuführen, werden Sanktionen im politischen Diskurs zudem als nachgerade gewaltloses, friedliches Mittel dargestellt. In Bezug auf Iran werden gegenwärtig folgende Ziele, die durch Sanktionen zu erreichen seien, proklamiert: Iran soll zu Zugeständnissen zu Gunsten der USA bzw. des Westens gezwungen werden, v.a. im Nuklearstreit, potentiell aber auch bei politischen Fragen in Südwestasien; Irans Atomwaffenfähigkeit soll verhindert werden; die iranische Führung soll geschwächt und die Zivilgesellschaft gestärkt werden.

[…]

 

QUELLE

Fathollah-Nejad, Ali (2010) Sanktionsregime gegen den Iran: Entstehung und Auswirkungen” [The Sanctions Regime on Iran: Its Formation and Impacts], inamo: Berichte und Analysen zu Politik und Gesellschaft des Nahen und Mittleren Ostens, Berlin: Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten (inamo), Jg. 16, Nr. 63 (Herbst), S. 33–39.

Das Verhältnis von Religion und Staat in Iran: Von den Safaviden bis heute

 

Der vorliegende Artikel befasst sich mit (1.) der tiefreichenden Verflechtung von Religion und Staat in Iran sowie (2.) der Entstehung einer schiitischen Theokratie sowohl als Ergebnis eines Zusammenstoßes von internen (d.h. politischen, ideologischen, sozialen und ökonomischen) und externen (Imperialismus) Strukturen als auch von kurzfristig zurückliegenden kontingenten historischen Umständen.

[…]

 

QUELLE

Fathollah-Nejad, Ali & Yazdani, Kaveh (2011) “Das Verhältnis von Religion und Staat in Iran: Von den Safaviden bis heute” [The Relationship between Religion and State in Iran: From the Safavids until Today], Zeitschrift für Religion und Gesellschaft, Köln: Forschungszentrum für Religion und Gesellschaft (forege), Jg. 1, Nr. 2 (Herbst), S. 298–312.

[Die Zeitschrift ist hier zu beziehen.]

 

REAKTIONEN

Die mit dem Düsseldorfer Friedenspreis 2010 ausgezeichnete FriedensTreiberAgentur (FTA) berichtet in ihrem Newsletter Nr. 270/2011 (03.11.2011) von diesem Artikel.

New Insights Into the Islamic Republic of Iran

 

The Iranian Revolution of 1979 is considered a defining moment because the Islamic Republic replaced an authoritarian monarchy that was friendly to the West. The revolution, moreover, linked religion to politics in an unprecedented way. Books by Hamid Dabashi, Elaheh Rostami-Povey and Arshin Adib-Moghaddam discuss the country’s history and its influence beyond its own borders.

Arguably the most important reason for the international interest in Iran is its strategically pivotal geography. Like some of its Muslim neighbours, it has tremendous oil and gas reserves. For the United States, the revolution in Iran was nothing less than a geopolitical shock.

Revolutionary dynamics in the Arab World have recently rekindled the debate in the West on “political Islam”. To get a good understanding of the phenomenon, however, it is necessary to define it properly – which, so far, has hardly been done.

The issue is generally approached from two directions. The cultural-essentialist or Orientalistic school holds that Islam determines political, economic and social realities. Orientalists argue that the entire Muslim world is not only somehow monolithic, but even downright resistant to change. Samuel Huntington’s book “The clash of civilizations” is a prominent expression of such thinking. This school is not alone in emphasising religion as the single most important defining feature of society, Islamist fundamentalists say so too.

The competing school emphasises structural aspects that have evolved in history. Its analyses take a wide range of factors into account, namely socio-economic conditions, political trends, historical change, class conflict and revolutions.

The current Arab Spring has dealt the Orientalist school a severe blow, and may yet discredit it once and for all. Obviously, there is a widespread desire in Muslim societies for change, and the revolutionary motivation is not primarily rooted in faith. Rather, the desire for universal freedoms and social justice is making itself heard in Tunisia, Egypt and elsewhere.

The books about Iran discussed here do not belong to the Orientalist camp. Nonetheless, each author assesses the topic from a different angle.

Struggle for democracy

In “Iran: a people interrupted” (2007), Hamid Dabashi analyses nearly 200 years of history from the literary-intellectual and political perspectives. The author takes his readers on a trip through time, revisiting major historical events. With unparalleled eloquence, he argues that Iranians have been fighting for democracy and against “foreign and domestic tyranny” for more than a century. Dabashi says the anti-colonial Tobacco Revolt at the end of the 19th century, the Constitutional Revolution at the beginning of the 20th, the nationalisation of the oil sector under Prime Minister Mohammad Mossadegh in the 1950s and the “Islamic Revolution” at the end of the 1970s were the most important steps in this process.

He disagrees with the notion of Iran being caught between tradition and modernity, calling it a “fabricated paradox”. Instead, he argues that since the 19th century an “anti-colonial modernity” marked by the struggle against both domestic and foreign oppression has defined Iranians’ emancipatory experience.

Dabashi traces three major ideological formations back to the multicultural, pluralistic Constitutional Revolution of the early 20th century: liberal-democratic nationalism, social-democratic socialism and theocratic Islamism. In his view, these three ideological formations do not necessarily clash. Rather, they all have their roots in the anti-colonial struggle and serve as catalysts for one other.

In the early 20th century, the idea of the modern nation-state with the notion of citizenship took shape, including both women and religious minorities, with relevant roles for a free press and intellectuals. However, it was never fully realised because of the repression of a series of Shah regimes which were allied to colonial and imperial powers. These ideals have yet to materialise.

Dabashi sees Shia Islam as inherently oppositional in its political focus. Accordingly, a dilemma arises when Shia clerics assume state power and get corrupted by it – which is what happened in the Islamic Republic.

Dabashi assesses the role of Shia religious leaders in the context of Iran’s political development. He makes a distinction between progressive clerics who oppose unjust rule and conservative ones who are closely connected to power or strive for it. In doing so, he shows that Shia clerics in Iran do not form a monolithic block. As is evident today, some important leaders sympathise with the democracy movement, and many are not pleased with the increasingly militaristic system that was set up in the name of religion.

A wide range of voices

In “Iran’s influence: a religious-political state and society in its region” (2010), Elaheh Rostami-Povey quotes a wide range of contemporary voices – journalists, refugees, expatriates and researchers from Iran, Iraq, Lebanon, Palestine and Egypt. She conducted her interviews with Muslim modernists, secular leftists, nationalists and feminists from 2007 to 2009. She shows that all of them demand democracy and liberty.

Her book is an encyclopaedic discussion of the political dynamics within the religious-political state of Iran. She shows that its internal contradictions have fostered the growth of a new democratic movement, which calls the regime, but not religion as such, into question.

At the same time, she demonstrates why the Iranian state’s foreign policy has found approval in the region where a majority of the public identifies with Iran’s stance against the USA, Israel and the “war on terror”. One reason for the popularity of criticism voiced by Tehran is that many Arab autocracies cooperate with Washington, and open debate has been impossible so far.

Rostami-Povey emphasises the wide range of manifestations of “political Islam”, each of which has to be considered in its specific historical and socio-political context. She writes that Islamists in Iran, Hezbollah in Lebanon, the Muslim Brotherhood in Egypt and its associated organisations or Hamas in Palestine are all quite different, and all are struggling with their own internal contradictions. However, all varieties of Islamism have one thing in common: they mobilise popular support by opposing imperialism and Zionism.

Rostami-Povey warns that the term “Islamic fundamentalism” prevents us from seeing the diversity of various Islamisms. As she puts it, “homogenisation and essentialism” make us blind to dynamics of change and thus promote Orientalism and Islamophobia. She argues that, ultimately, the West’s ongoing hostility towards Iran and Islamist movements only strengthens those conservative forces.

Arshin Adib-Moghaddam comes to similar conclusions in “Iran in world politics: the question of the Islamic Republic” (2007). He has worked up an intricate theory on the interaction between society, culture and state institutions. As he puts it, “counter-hegemonic utopias” – such as Marxism, Communism, Maoism and Islamism – radically changed Iran’s political culture in the 1960s. The revolution therefore pursued “utopian-romantic” ideals, which left their mark on the Islamic Republic’s institutionalised norms and still affect its approach to foreign policy.

He emphasises the constant possibility of change in the Islamic Republic as a result of an “active counterculture”. He shows that the picture US neo-conservatives paint of Iran is perverted and calls for “critical Iranian studies” which would pluralise the ways one sees Iran and dissect the international politics surrounding the country.

These three books by noted scholars lay the foundation for a better understanding of Iran and “political Islam”. They theoretically and empirically assess the context in its entire complexity. Without such comprehensive knowledge, Western understanding cannot add up to more than biased knee-jerk reactions. The books show that political trends do not come about in a vacuum, but rather are rooted in complex settings with domestic and foreign social, economic and political factors. The idea of a “monolithic Islam” is not only wrong – it is dangerous.

 

Books reviewed:

  • Arshin Adib-Moghaddam, Iran in World Politics: The Question of the Islamic Republic, London: Hurst 2007 & New York: Columbia University Press 2008.
  • Hamid Dabashi, Iran: A People Interrupted, New York: New Press 2007.
  • Elaheh Rostami-Povey, Iran’s Influence: A Religious–Political State and Society in its Region, London & New York: Zed Books 2010.

 

SOURCE

Ali Fathollah-Nejad (2011) “New Insights Into the Islamic Republic of Iran“, Development and Cooperation (D+C), Bonn: Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (German Society for International Cooperation, GIZ), Vol. 52, No. 5 (May), pp. 208–209.

▪ republished on Europe’s World, 22/05/2011;

▪ republished on Global Research, Montreal: Centre for Research on Globalization, 22/05/2011;

▪ republished on e-International Relations (e-IR), 22/02/2011;

▪ republished on Monthly Review Webzine, 23/05/2011;

▪ republished as Defining Moment on Iranian.com, 23/05/2011;

▪ republished on Atlantic-Community.org, 24/05/2011;

▪ republished on Humanitarian Texts: World-Wide Asian–Eurasian Human Rights Forum, 25/05/2011;

▪ republished on ZNet, 31/05/2011;

AUF DEUTSCH | “Neue Blicke auf die Islamische Republik Iran“, Entwicklung und Zusammenarbeit (E+Z), Vol. 52, No. 5 (May), pp. 208–209;

▪ republished on ZNet Deutschland, 15/06/2011.

SLOVENČINA | “Čo je to politický islam?“, trans. Peter Nedoroščík, utopia, 01/07/2011.

Ali Fathollah-Nejad: “Der Iran-Konflikt und die Obama-Regierung” [The Iran Conflict and the Obama Administration]

 
 

Research on this book began in 2008 during the transition period between the George W. Bush and Barack Obama administrations, and by winter 2009 the book has been finalized.

  

Ali Fathollah-Nejad (2010 & 2011) Der Iran-Konflikt und die Obama-Regierung: Alter Wein in neuen Schläuchen? [The Iran Conflict and the Obama Administration: Old Wine in New Skins?], Potsdam (Germany): Potsdam University Press (WeltTrends-Papiere, No. 12), 2010 (reprint in 2011) [ISSN 1864-0656 | ISBN 978-3-86956-042-7 | 5 € | hier bestellen].

 

ABSTRACT

 

Deutsch | Mit dem Amtsantritt Barack Obamas wurden nach Jahren schwelender Kriegsgefahr mit dem Iran große Hoffnungen verbunden. Das Papier analysiert die der US-Regierung vorgelegten Iran-Strategiepapiere im Hinblick auf eine Lösung im Iran-Konflikt. Das Spektrum der angedachten Politik reicht von Scheindiplomatie zur Kriegslegitimation bis hin zu Normalisierung der Beziehungen. Zum Schluss wird danach gefragt, ob tatsächlich eine Wende in der Iran-Politik Obamas zu erwarten ist.

English | With Barack Obama taking office as U.S. president, immense hopes have been raised after years of a lurking threat of war. The paper analyzes Iran strategy papers prepared for the new U.S. administration on how to solve the conflict with Iran. The specter of the proposed policies ranges from diplomacy as pretense for legitimating war to normalization of relations. Finally the question will be raised whether under Obama a change of the policy towards Iran can be expected or not.

Bulgarian |С влизането в длъжност на новия президент на САЩ Барак Обама бе свързана голямата надежда след години нарастваща опасност от война с Иран. Авторът анализира стратегически документи на САЩ относно възможно решение на Иранския конфликт- от дипломация за прикриване подготовка за война до селективно сближаване. Потърсен е отговор на въпроса, доколко може да се очаква обрат в политиката на президента Обама. [Source: Center for Strategic Research in the Field of Security and International Relations, Bulgaria]

 

BUCH-INHALT [BOOK CONTENT]

 

I. Obama for President! Alle für den „Wandel“ [Obama for President! Everybody for “Change”]

1. Mission: Führungsrolle wiederherstellen [Mission: Reestablishing Leadership]

2. Obamas „Clinton III“-Team [Obama’s “Clinton III” Team]

II. Wettlauf um Obamas Iran-Politik [The Race for Obama’s Iran Policy]

3 . Wieso die USA eine „Kurs-Korrektur“ in der Iran-Politik anstreben [Why the U.S. Seeks a “Course Correction” in its Iran Policy]

4. Neokonservative und liberale Falken – Zwangsdiplomatie als Kriegslegitimation [Neoconservatives and Liberal Hawks: Coercive Diplomacy as Legitimation for War]

5. Vorschläge der Elite-Think-Tanks – Realpolitische Strategien zur Durchsetzung amerikanischer Interessen [Recommendations by Elite Think-Tanks: Realpolitik Strategies for Asserting U.S. Interests]

6. Moderate Stimmen fordern Kurswechsel [Moderate Voices Demand Course Correction]

 

III. Im Bush-Modus verfangen? Neue Politik auf tönernen Füßen [Stuck in the Bush Mode? New Policy on Feet of Clay]

7. Von Bushs zu Obamas Kriegen im Irak und am Hindukusch – Auserwählt oder notwendig? [From Bush’s to Obama’s Wars in Iraq and in the Hindu-Kush: Chosen or Necessary?]

8. Neue alte Iran-Politik? [New Old Iran Policy?]

 

IV. Schlussfolgerungen [Conclusions]

 

 

LOB [PRAISE]

 

»Eine detaillierte und absolut überzeugende Kritik der US-amerikanischen Iran-Politik«

[»A detailed and utterly persuasive indictment of US policy towards Iran«]

Dr. Arshin Adib-Moghaddam, School of Oriental and African Studies (SOAS), University of London & Autor von u.a. Iran in World Politics: The Question of the Islamic Republic (Hurst 2007 & Columbia University Press 2008)

 

»[…] mit Beifall gelesen. Eine sehr gründliche Arbeit auf knappem Platz. […] nichts Wichtiges weggelassen.«

[»[…] read with applause. A very thorough and succinct work. […] nothing important left out.«]

Rudolph Chimelli, Journalist & Iran-Experte, Süddeutsche Zeitung

 

»Ali Fathollah-Nejads Studie analysiert mit profundem Hintergrundwissen den aktuellen weltpolitischen Konflikt zwischen Iran und den USA. Dem Autor gelingt es dabei, Illusionen über einen kurzfristigen Strategiewechsel bezüglich des “war on terror” durch die aktuelle US-Regierung unter Führung des Friedensnobelpreisträgers Barack Obama zu zerstreuen – und gleichzeitig in seinen Schlussfolgerungen Chancen einer notwendigen konstruktiven Friedenspolitik aufzuzeigen. Ein äußerst hilfreiches Buch, dem eine große Rezeption zu wünschen ist.«

Clemens Ronnefeldt, Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes (Fellowship for Reconciliation)

 

»Vorweg: Der Untertitel “Alter Wein in neuen Schläuchen?” wird der […] Arbeit nicht gerecht – sie ist zu inhaltsreich, differenziert, informativ, als dass sie sich auf diese Frage reduzieren ließe. Interessant ist sie zudem auch analytisch, v.a. wegen ihrer konstruktiven Ausrichtung: Fathollah-Nejad verharrt nicht bei einer Beleuchtung der bestehenden Politik, sondern er zeigt mögliche Ansätze und konkrete Schritte auf, die einen Weg aus der jahrelangen Sackgasse der westlichen Iran-Politik weisen könnten – eine Kurskorrektur, die nicht nur notwendig, sondern auch machbar wäre! Lesenswert ist die Analyse, für die der Autor auf 78 Seiten viel Information kondensiert und über 200 Quellen aus Politik, Wissenschaft und Medien ausgewertet hat, aber noch aus einem weiteren Grund: Sie liefert zugleich einen hoch-informativen Blick hinter die Kulissen der Obama-Regierung und beleuchtet viele der tatsächlichen Akteure aus beiden großen Parteien und ihren Einfluss auf die offizielle Politik. Ein Lehrstück über Triebkräfte und konkrete Mechanismen der US-Außenpolitik. […] Zu der o.g. Analyse finden sich ihr Inhaltsverzeichnis und eine Bestellmöglichkeit auf der insgesamt sehr interessanten Website des Autors: http://fathollah-nejad.com – von dem wir künftig sicher noch mehr hören werden!«

Christoph Krämer, stellv. Vorsitzender der deutschen Sektion von IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung), in der Mitgliederzeitschrift IPPNW-Forum, Nr. 127 (September 2011). [pdf]

 

»Dieses gelungene Buch ist für all jene empfehlenswert, die sich einen Überblick verschaffen wollen über die Diskussionen, Strategien und Hintergründe rund um den USA-Israel-Konflikt mit Iran, der schon seit langem für die Menschen im Iran verheerende Folgen hat und indirekt – aufgrund der Militärausgaben, für die Sozialausgaben geopfert werden – auch vielen Menschen in den USA und in Israel schadet.«

Luay Radhan, FriedensForum: Zeitschrift der Friedensbewegung, Jg. 23, Nr. 6/2010 (Dez. 2010–Jan. 2011). [pdf]

 

»Die Faktendichte der Studie ist beeindruckend […] interessante und auch entmutigende Fakten über Obamas Verhältnis zum ›Washington Establishment‹«

—Loren Balhorn, Die Achse des Barack, marx21: Magazin für internationalen Sozialismus, Nr. 17 (September/Oktober 2010), S. 80.

 

»Der wohlinformierte Politikwissenschaftler eröffnet solide Einblicke in Zusammenhänge, die die westliche Politik ignoriert. Er verdeutlicht – ohne die Realität im Iran zu beschönigen –, inwiefern der Westen seine eigenen Postulate von Frieden und Menschenrechten genauso verletzt, wie er sie kundtut. Wenn man Wasser jeden Tag ein Grad erhitzt, geht das bis zu 99 Tagen gut. Aber dann… Herrn Fathollah-Nejads Buch beunruhigt im besten Sinn qualifizierter Analysen eines Brennpunktes der internationalen Politik.«

—Bernhard Trautvetter, Essener Friedens-Forum.

 

»Das Buch kann ich wärmstens empfehlen.«

—Kamuran Sezer, Gründer und Leiter des futureorg-Instituts für angewandte Zukunfts- und Organisationsforschung.

 

»Sehr gute policy analysis: Das Buch ist eine sehr gute Übersicht über die Iran-Politik Obamas seit seinem Regierungsantritt. Der Autor beschränkt sich dabei auf eine policy analysis und drückt sich klar und deutlich aus – nicht der Regelfall bei Politikwissenschaftlern.«

Leserkommentar, amazon.de.

 

 

WEITERE REZENSIONEN [OTHER REVIEWS]

  • Christoph Krämer [Deputy Chairman, IPPNW Germany] (2011) in: IPPNWforum, Berlin: International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) Germany, No. 127 (September), p. 32.

 

ZITIERT IN [CITED IN]

Hermann, Isabella [Goethe University Frankfurt] (2010) ‘The Relevance of “Respect” within US-Iranian Negotiations on the Iranian Nuclear Programme during the Bush Administration‘, paper for the ECPR (European Consortium for Political Research) Graduate Conference Dublin 2010.

AUFGENOMMEN IN [INCLUDED IN]

Literaturdienst: Internationale Beziehungen und Länderkunde (Current Bibliography: International Relations and Area Studies), Vol. 19, No. 22 (16-30 November 2010), hg. vom Fachinformationsverbund Internationale Beziehungen und Länderkunde, Druck und Vertrieb seitens der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Collateral Damages of Smart Sanctions on Iran | Unkluge Kollateralschäden „smarter Sanktionen“ | Les dommages collatéraux des « sanctions ciblées »

PRAISE

»excellent« (Noam Chomsky)

 

For French and German versions, please scroll down.

The prospects for democracy, socio-economic development, and conflict resolution will suffer if the West continues to rely on punitive measures

This time, the warmongers’silly season found its apogée in U.S. neo-conservative Daniel Pipes’ advice to Obama to “bomb Iran,” which appeared shortly after Tony Blair, having outlined why he helped invade Iraq, remarked ominously, “We face the same problem about Iran today.” The Chilcot Inquiry in the United Kingdom on how the Iraq War was launched ironically coincided with a considerable military build-up in the Persian Gulf region. All this occurred amidst the continued struggle of Iran’s civil rights movement and proclamations of Western leaders to be in support of the latter’s efforts. But is there any evidence for this?

In contradistinction to war, sanctions are widely portrayed as necessary, almost healthy medicine to bring about change in the opponent’s policies. However, as the history of the West–Iran conflict proves, sanctions have rather the state of crisis alive than contributed to its resolution. Nonetheless, Western governments do not seem to have lost their dubious fascination for them.

As the call for “crippling sanctions” became morally questionable when last summer the impressive Green wave shook the streets of Tehran for fear of wrecking the same, today the benign sounding “smart” or “targeted” sanctions are on the tip of everyone’s tongue. Yet, a close look reveals a great deal of wishful thinking as to the effects of such sanctions.

Gigantic dimensions of “smart sanctions”

“Smart sanctions”, it is claimed, are a magic wand with which to decapitate evil. In the Iranian case, evil is being identified with the Islamic Revolutionary Guards Corps. Originally a defense organization erected to counter Iraqi aggression in the 1980s, the Guardians have developed into an expansive socio-politico-economic conglomerate which is believed to possess unrivalled economic and political power in today’s Islamic Republic.

As we are told, “smart sanctions” shall target the Guardians’ grip on the Iranian power structure. The much neglected difficulty here – though it is widely acknowledged that the bulk of Iranian economy is now in the hands of the Guardians – is that in the end millions of civilians connected to these wide-ranging sectors thought to be controlled by the Guardians will be affected. Seen in this light, the gigantic dimension of these alleged “smart sanctions” comes to the fore.

Moreover, so-called “crippling sanctions” that target petrol supply to Iran are still en route. In anticipation of those U.S. unilateral sanctions, the world’s largest insurance companies have announced their retreat from Iran. This concerns both the financial and shipping sectors, and affects petrol supplies to Iran which imports 40 percent of its needs. Also three giant oil traders ended supplies to Iran, which amounted to half of Tehran’s imports. Needless to say, such sanctions ultimately harm the population. To add, a complete implementation thereof – i.e. preventing Asian competitors to step in – would require a naval blockade which amounts to an act of war.

Crippling the ordinary population

As stressed by civil society figures and economists, the price of sanctions is being paid by the Iranian population at large. The Iranian economy – manufacturing, agriculture, bank and financial sectors etc. – has been hurt from almost three decades of sanctions. Even today, businesses cannot easily obtain much needed goods on the international market to continue production and must often pay above-standard prices. Moreover, the scientific community has faced discrimination in areas of research as has Iran’s technological advances been slowed down.

Reflecting the dangers sanctions pose to the Green Movement, last fall Mir-Hossein Mousavi stated: “We are opposed to any types of sanctions against our nation.” The same was recently uttered by his fellow opposition leader Mehdi Karroubi in an interview with Corriere della Serra.

Meanwhile a more fundamental problem remains – hardly acknowledged by many proponents who succumb to the adventurous illusion of having a say in the design and implementation of sanctions: They are mainly designed by the American Israeli Public Affairs Committee (AIPAC), introduced to the U.S. Congress and finally implemented by the Treasury Department’s Under Secretary for Terrorism and Financial Intelligence Stuart Leveyan AIPAC confidant. Along this process, the potential suffering by Iran’s civil society hardly plays a role.

Sanctions – either “crippling” or “smart” – ultimately harm ordinary citizens. “Smart sanctions” is as much of an oxymoron as “smart weapons” which supposedly by “surgical strikes” only take out evil components. Indeed, much as in the case of their militaristic brothers-in-sprit, in the end the “collateral damages” of “smart sanctions” remain dominant.

A futile political instrument in today’s world

More generally, in an increasingly multipolar globalized world, sanctions imposed upon energy-rich countries are basically futile as an effective policy tool. Too numerous are business-driven actors that are only too happy to jump in. Thus, Chinese, Russian, and even U.S. companies (acting via Dubai) have hugely benefitted from the European, U.S.-pressured withdrawal from the Iranian market.

Thus, sanctions – a medicine with which Western policy-circles are so obsessed with – are not a cure but a slow poison applied to the civil society and thus the civil rights movement. Sanctions as prototype of economic warfare in concert with the seasonal flaring-up of war-mongering are a dangerous mix. The deafening “drums of war” continue to bang upon the beating heart of Iran’s civil society.

Sanctions and threats of war: Poisonous for democratic development

All this suggests that sanctions are perhaps a fig leaf for other agendas. For, in contrast to Western proclamations, sanctions do harm the civil society while cementing the position of hardliners. Iran’s middle class as a result will be affected by this further isolation of the country as sanctions punish honest traders and reward corrupt ones. The Guardians with their assumed 60 harbors at the Persian Gulf control the bulk of imports and sanctions will only bolster the trend of flourishing “black channels”.

One might indeed argue that the not-so-unconscious “collateral damage” of never-ending sanctions is any meaningful transition to more democracy in Iran – a prospect which would set an uncomfortable precedent for the West’s authoritarian friends in the region.

What next: “Surgical strikes” or serious diplomacy?

At the very least, the unending story of sanctions bears testimony to Western leaders’ commitment to uphold “credibility” in the face of adverse conditions as much as to imposing their will on Iran. A futile exercise – even a dangerous one – if one begins to contemplate the aftermath of “smart sanctions” being imposed: Will the next desperate move entail “surgical strikes”?

Instead of going on believing that sanctions will one day develop their desired effects, it is high time to put the brakes. Hence, the only way forward would be to adopt a set of policies that would disarm hardliners of all sides whose business flourishes in the vicious cycle of enmity. It is only by détente that grist to the mills of radicalism can be removed – and a sustainable de-militarization of Iranian politics attained. Revoking existing sanctions on goods for civilian use could work wonders that would shake the very fundaments of confrontational postures.

Despite all frivolous claims, the diplomatic route has not been exhausted. Indeed, we are far from it. Since the core problem remains the “security dilemma” in the region, it would be wise for the West to call upon Israel to join the Nuclear Non-Proliferation Treaty (NPT). The transatlantic “coercive strategy” vis-à-vis Iran – as it is accurately described in Diplomatic Studies – must be suspended for it undermines prospects for peace and development towards democracy.

SOURCE

Ali Fathollah-Nejad (2010) “Collateral Damages of Smart Sanctions on Iran“, Informed Comment, guest editorial, 12 March;

▪ republished as “Collateral Damage of Iran Sanctions“, The ColdType Reader, No. 46 (May), pp. 56–57;

republished on Monthly Review Webzine, 12/03;

republished on Europe’s World, 15/03;

republished on Payvand Iran News, 16/03;

republished on e-International Relations (e-IR), 19/04

▪ republished as “How Smart are Sanctions?“, Iranian.com, 15/03;

▪ republished as “Sanctions on Iran: What are the Implications?“, Global Research, Montreal: Centre for Research on Globalization, 16/03;

▪ abridged version published as “Collateral Damages of Smart Sanctions“, Truthout, op-ed, 23/03.

IN CZECH |Jaké jsou důsledky sankcí na Írán?“, trans. P. Kreuz, Eastbound.cz, 17/03.

 

REACTIONS

Armen Gabrielian (2010) ‘US Collusion with Saddam Hussein and Effects of Humanitarian Sanctions on Iraq‘, Examiner.com (U.S.), 5 April:

“As President Obama, Secretary of State Clinton and most member of the US Congress vociferously demand the imposition of new sanctions on Iran on a daily basis, it is instructive to review the history of the relationship between the US and Iran and to study what the effect of the new sanctions might be. The new sanctions are purported to be ‘smart sanctions’ and ‘crippling sanctions.’ However, as noted in a report entitled, ‘Collateral Damages of Smart Sanctions on Iran‘, such sanctions will most likely hurt the ordinary people of Iran, not its repressive Government leaders. Even the key champions of the so-called green movement, Mir-Hossein Mousavi and Mehdi Karroubi, have stated publicly that they are opposed to any new sanctions on Iran. In an earlier era, during the Clinton Administration, a similar idea was proposed and implemented through the UN Oil-for-Food Program. […]”

 

* * *

 

Les dommages collatéraux des « sanctions ciblées » contre l’Iran

En s’obstinant à infliger des « sanctions ciblées» à l’Iran, l’Occident assombrit les perspectives de démocratisation, de développement économique et de résolution des conflits

Le retour saisonnier, sur la scène internationale, des bellicistes a culminé début février avec l’injonction à bombarder l’Iran du « néocon » Daniel Pipes à Barack Obama « afin de sauver sa présidence ». Peu auparavant Tony Blair avait encore glissé, lors de son exposé sur les raisons ayant justifié l’intervention militaire de son pays en Irak, une phrase inquiétante : « nous sommes aujourd’hui face au même problème en Iran ». Ainsi, il a prononcé pas moins de 58 fois le nom « Iran » lors de cette allocution. La commission « Chilcot »  en Grande Bretagne, enquêtant sur les évènements liés à la guerre en Irak, a cyniquement coïncidé avec un important renforcement militaire américain dans la région du golfe Persique. Et pour finir, il a été rapporté que des centaines de bombes anti-bunker avaient été embarquées en Californie à destination de l’île de Diego Garcia dans l’océan Indien, d’où étaient parties les deux dernières attaques aériennes contre l’Irak. Tout cela a exactement coïncidé avec la poursuite de la lutte du mouvement iranien pour les droits civiques et les proclamations des hommes politiques occidentaux qu’ils soutenaient celle-là. Mais quelles preuves existe-t-il de cela ?

Contrairement à la guerre, les sanctions sont très largement présentées comme un remède nécessaire et franchement salubre, permettant de pousser un adversaire politique à changer de cap. Cependant l’évolution du conflit irano-occidental prouve que les sanctions ont pérennisé la crise plutôt que de contribuer à en sortir. En dépit de cela, les gouvernements occidentaux semblent toujours en proie à une véritable fascination pour des sanctions.

L’appel initial à des « sanctions paralysantes » s’est tu dans un premier temps l’été dernier, lorsqu’une impressionnante vague « verte » a déferlé dans les rues de Téhéran, non pas en dernier lieu par crainte de « paralyser » cette dernière. Mais aujourd’hui de telles sanctions sont sur toutes les lèvres. On accole simplement aux mesures punitives désormais envisagées des adjectifs lénifiants tels  qu’« avisées » ou « ciblées». En y regardant de plus près, on s’aperçoit qu’on prend en fait largement ses désirs pour des réalités.

Le gigantesque impact de « sanctions ciblées »

Des « sanctions avisées » seraient, prétend-on, un remède miracle pour décapiter le mal. Dans le cas iranien, le mal est désormais identifié avec le Corps des gardiens de la révolution islamique. À l’origine créés pour défendre le pays contre l’agression irakienne dans les années 80, les Gardiens se sont transformés en un conglomérat expansif socio-politico-économique auxquels on attribue un pouvoir hors pair dans la République islamique actuelle.

On maintient que les « sanctions avisées » devraient affecter de manière ciblée la position des Gardiens au sein de la structure du pouvoir iranien. On néglige cependant la conséquence logique du fait qu’une grande partie de l’économie iranienne est aux mains des Gardiens : ce sont les millions de civils et leurs familles dont le revenu d’existence est lié aux vastes secteurs de l’économie détenus par les Gardiens qui seraient avant tout atteints. On devine alors l’ampleur gigantesque d’une démarche prétendument ponctuelle de telles mesures punitives.

Les prétendues « sanctions paralysantes », qui doivent limiter en  premier lieu les livraisons d’essence à l’Iran, sont actuellement en préparation aux Etats-Unis. Dans l’attente de ces sanctions unilatérales américaines les plus grandes compagnies mondiales d’assurances ont déjà annoncé leur retrait d’Iran. De même, les principaux fournisseurs mondiaux d’essence qui couvraient encore récemment la moitié des importations iraniennes ont cessé leurs livraisons. Ceci fait monter le prix des importations d’essence de l’Iran qui doit importer presque la moitié de sa consommation à cause de ses capacités de raffinerie insuffisantes. Là encore c’est la population qui paie l’addition. Ajoutons qu’une application totale de ces sanctions impliquerait un blocus maritime, ce qui équivaudrait à un acte de guerre.

Paralyser la population civile

Ainsi des personnalités de la société civile iranienne et des économistes le soulignent, c’est la la population civile qui paie le prix des sanctions. L’économie iranienne – de la production industrielle jusqu’aux secteurs bancaire et financier – a déjà été fortement endommagée par trois décennies de sanctions. Aujourd’hui encore les entreprises ont la plus grande peine à maintenir leurs affaires, car elles doivent compter avec des restrictions dans l’approvisionnement en biens indispensables et sont souvent obligées, pour les obtenir, de payer un prix plus élevé. Les faillites et les licenciements sont une conséquence fréquente de ces difficultés et approfondissent la crise économique du pays. En outre, la communauté scientifique souffre de difficultés d’accès aux dernières conquêtes de la recherche international, tandis que le développement technique est également freiné.

Les risques que présentent les sanctions pour la société civile ont été abordé par le chef de l’opposition Mir-Hossein Moussavi : « Les sanctions n’auraient pas d’effet sur le gouvernement, elles causeraient plutôt un mal sérieux à la population […]. Nous refusons toute sanction envers notre nation », a-t-il déclaré très clairement en automne dernier. Son associé Mehdi Karroubi s’est exprimé dans le même sens dans une interview accordée au Corriere della Sera.

Un problème de fond demeure, qui n’attire guère l’attention de tous ceux qui ont succombé à la dangereuse illusion qu’ils pourraient avoir leur mot à dire dans la définition et la mise en œuvre des sanctions contre l’Iran : c’est que celles-ci sont élaborées essentiellement par le lobby pro-israélien aux Etats-Unis – l’American Israeli Public Affairs Committee (AIPAC) – et sont la plupart du temps soumises au Congrès pour la forme, pour être ensuite mises en œuvre par le sous-secrétaire d’Etat au terrorisme et au renseignement financier (Under Secretary for Terrorism and Financial Intelligence) Stuart Levey – un homme de confiance de l’AIPAC. Dans ce processus, les retombées potentielles sur le peuple iranien ne jouent pratiquement aucun rôle.

Les sanctions – qu’elles soient « paralysantes » ou « avisées » – nuisent en fin de compte à la population. Des « sanctions avisées » sont ainsi un oxymore comparable  aux « bombes intelligentes » qui sauraient prétendument ne cibler que les objectifs à détruire, au moyen de « frappes chirurgicales ». Et comme pour leurs consœurs  militaires ce sont en définitive les « dommages collatéraux» des « sanctions avisées » qui l’emportent.  Les trouver « avisées » ne peut donc être considérer que comme du pur cynisme.

Une arme politique émoussée dans le monde d’aujourd’hui

En outre, dans un monde mondialisé et de plus en plus multipolaire, les sanctions s’avèrent n’être qu’une arme émoussée, surtout lorsqu’elles visent des pays riches en réserves d’énergie. Les acteurs guidés par leurs seuls intérêts économiques ne manquent pas, trop heureux d’occuper le vide commercial ainsi créé. C’est ainsi que des firmes chinoises, russes et même américaines – agissant via Dubaï – ont largement profité du retrait des concurrents européens sous la pression de Washington.

Devenues une quasi-obsession dans les milieux politiques en Occident, les sanctions ne sont pas un remède efficace menant à la guérison, mais agissent plutôt comme un lent poison administré à la société civile iranienne et à son mouvement démocratique. Prototype de guerre économique, les sanctions conjointement avec les appels réguliers à la guerre constituent un mélange explosif. Les tambours guerriers, qui se font entendre à nouveau, battent à nouveau sur le cœur battant de la société civile iranienne.

Le développement démocratique empoisonné par les sanctions et les menaces de guerre

Contrairement à la doxa politique, les sanctions nuisent en fait à la société civile et consolident la position des faucons. La classe moyenne iranienne est touchée par cet isolement qui n’en finit pas, d’autant plus que les sanctions atteignent les commerçants honnêtes et profitent aux corrompus. Les Gardiens, qui contrôlent vraisemblablement 60 ports dans le golfe Persique, par lesquels passe l’essentiel des importations, peuvent poursuivre leurs affaires, souvent par des « canaux douteux ».

Et c’est pourquoi l’un des « dommages collatéraux » pas tout à fait caché de ces sanctions sans fin est de faire obstacle à une transition démocratique durable en Iran. En fait cette dernière représenterait un risque pour le statu quo régional, et notamment pour la stabilité des autocraties de la région, alliées de l’Occident.

Que faire ? «Frappes chirurgicales» ou une véritable diplomatie ?

L’histoire infinie des sanctions a au moins le mérite d’illustrer les tentatives quasi désespérées des dirigeants politiques occidentaux à imposer leur volonté à l’Iran : On se donne ainsi l’impression de « faire » quand même quelque chose, afin d’avoir au moins l’air « crédibles ». Une entreprise somme toute vouée à l’échec et même dangereuse. Car il est fort à craindre que dans la foulée des « sanctions avisées » l’appel aux « frappes chirurgicales » se fasse finalement rapidement entendre.

Au lieu de s’abandonner à l’espérance illusoire que les sanctions produiront l’effet souhaité dans un avenir pas trop lointain, on devrait y mettre un terme une fois pour toutes. La seule issue consisterait à avoir le courage d’une politique capable de désarmer les faucons de tous bords, dont les affaires prospèrent admirablement dans le cercle vicieux de l’animosité. Ce n’est que par une vraie politique de détente qu’on cessera de manière durable d’apporter de l’eau au moulin des radicalismes – et que l’on contribuera en prime à un renoncement durable à la politique sécuritaire en Iran. Lever les sanctions déjà existantes, qui s’en prennent souvent aux secteurs civils, pourrait faire des miracles et ébranler considérablement les fondements des acteurs qui poussent à la confrontation.

En dépit d’affirmations hâtives, la voie diplomatique est loin d’être épuisée ; bien au contraire. Une politique de détente devrait permettre de renoncer à des mesures punitives et à la menace de guerre, et au lieu de celles-là, par le biais de mesures qui créeraient un climat de confiance réciproque, permettrait une solution équitable des défis sécuritaires qui fragilisent la région. Le problème central se trouve en fait dans le dilemme de la sécurité à l’échelle régionale. L’Occident serait donc bien avisé s’efforcer résolument de contraindre Israël – puissance nucléaire majeure – au régime de non-prolifération. On devrait donc mettre fin à la « diplomatie coercitive » envers l’Iran – comme on la désigne avec pertinence dans les Études diplomatiques – car elle assombrit les perspectives de paix et celles du processus de démocratisation.

SOURCE

Ali Fathollah-Nejad (2010) “Les dommages collatéraux des « sanctions ciblées » contre l’Iran” [The Collateral Damages of “Targeted Sanctions” against Iran], À l’encontre: Revue politique virtuelle, Switzerland, 11 May;

republished on Mondialisation.ca, Canada, 15/05;

▪ slightly abridged version published as Sanctions contre l’Iran, sanctions contre les Iraniens [Sanctions against Iran, Sanctions against Iranians], Mediapart, France, 14/05.

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Unkluge Kollateralschäden “smarter Sanktionen” gegen Iran

Getrübte Aussichten auf Demokratie, sozio-ökonomischer Entwicklung und Konfliktlösung, wenn der Westen weiterhin auf Strafmaßnahmen setzt

Das saisonale Aufflackern der Kriegstreiber fand ihren Höhepunkt in dem Aufruf des US-Neokonservativen Daniel Pipes an Barack Obama, Iran zu bombardieren, um seine Präsidentschaft zu retten. Kurz zuvor hatte Tony Blair – als er ausführte, wie er dabei half, den Irak zu überfallen – noch ominös bemerkt, dass „wir heute beim Iran vor dem selben Problem stehen“. Und ganze 58 Male führte er den Namen Iran im Munde. Der Chilcot-Untersuchungsausschuss in Großbritannien über die Ereignisse rund um den Irak-Krieg fiel zynischerweise mit einer beachtlichen militärischen Aufrüstung in der Region des Persischen Golfes zusammen. Zuletzt wurde gemeldet, dass hunderte Bunker brechende Bomben von Kalifornien auf die Insel Diego Garcia im Indischen Ozean verschifft wurden, von wo aus die letzten zwei Angriffe auf den Irak geflogen wurden. All dies ereignet sich inmitten der fortgesetzten Anstrengungen der iranischen Bürgerrechtsbewegung und Verlautbarungen westlicher Politiker diese unterstützungswert  zu halten. Doch gibt es Anzeichen für Letzteres?

Im Gegensatz zu Krieg werden Sanktionen weithin als notwendige, nachgerade gesunde Medizin betrachtet, mit der ein Kurswechsel beim politischen Opponenten erwirkt werden kann. Die Geschichte des Konfliktes zwischen dem Westen und Iran bescheinigt jedoch, dass Sanktionen eher die Krise am Leben hielten, als dass sie zu ihrer Beilegung beitrugen. Dessen ungeachtet scheinen westliche Regierungen eine regelrechte Faszination für Sanktionen nicht eingebüßt zu haben.

Der anfängliche Ruf nach “lähmenden Sanktionen” verstummte zunächst, als im letzten Sommer die eindrucksvolle „grüne“ Welle die Straßen Teherans bedeckte, nicht zuletzt aus der Besorgnis heraus, ebenjene zu lähmen. Heute sind Sanktionen wieder in aller Munde, nur schmücken die gutartig klingenden Adjektive „klug“ oder „gezielt“ die nunmehr angestrebten Strafmaßnahmen. Ein genauer Blick jedoch lässt hierbei eine gehörige Portion Wunschdenken zutage treten.

Gigantische Dimension „smarter Sanktionen“

„Smarte Sanktionen“, so wird behauptet, seien ein Zaubermittel, womit das Böse enthauptet würde. Im Falle Irans wird nun das Böse mit den Revolutionsgarden identifiziert. Ursprünglich zur Verteidigung des Landes gegen den irakischen Angriff in den 80er Jahren errichtet, haben sich die Garden zu einem expansiven gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Konglomerat entwickelt, denen eine unvergleichliche Macht in der heutigen Islamischen Republik zugesprochen wird.

„Kluge Sanktionen“ sollen demnach gezielt die Position der Garden innerhalb der iranischen Machtstruktur beschädigen. Vernachlässigt wird jedoch die logische Folgerung aus der Tatsache, dass sich ein Großteil der iranischen Wirtschaft in den Händen der Garden befindet: Die in die Hunderttausende gehenden Zivilisten und ihre Familien, deren Auskommen mit den weitgefächerten Wirtschaftsbranchen der Garden verbunden ist, würden ebenso getroffen. Dies lässt die gigantische Dimension des angeblich punktuellen Vorhabens solcher Strafmaßnahmen erahnen.

So genannte „lähmende Sanktionen“, welche zuvorderst Irans Benzinzufuhr beschneiden sollen, werden in den USA derzeit auf den Weg gebracht. In Erwartung solcher unilateraler US-Sanktionen haben die weltgrößten Versicherungskonzerne ihren bereits Rückzug aus Iran angekündigt. Ebenfalls haben weltweit führende Benzinhändler ihre Lieferungen, die vor Kurzem noch die Hälfte iranischer Einfuhren abdeckten, eingestellt. Dies betrifft in empfindlichem Maße sowohl den Finanz- und Schiffssektor und verteuert die Benzineinfuhren Irans, der fast die Hälfte seines Verbrauchs importieren muss. Auch hierbei ist die Bevölkerung die Leidtragende. Hinzu kommt, dass eine vollständige Implementierung solcher Handelssanktionen eine Meeresblockade notwendig machen würde, was jedoch einem Kriegsakt gleichkäme.

Die Zivilbevölkerung lähmen

Wie Persönlichkeiten aus der iranischen Zivilgesellschaft und auch Ökonomen betonen, wird der Preis von Sanktionen von der breiten Bevölkerung getragen. Irans Wirtschaft – von der Produktion, der Landwirtschaft bis hin zum Banken- und Finanzsektor – wurde bereits durch drei Jahrzehnte Sanktionsgeschichte in Mitleidenschaft gezogen. Noch heute können Unternehmen mit Schwierigkeiten ihre Geschäfte aufrechterhalten, da sie bei der Beschaffung notwendiger Güter mit Einschränkungen zu rechnen haben und nicht selten gezwungen sind, höhere Preise zu zahlen. Des Weiteren leidet auch die wissenschaftliche Community durch den eingeschränkten Zugang zu Forschungserrungenschaften weltweit, während technologische Entwicklungen ausgebremst werden.

Die Risiken, die Sanktionen auch für die Zivilgesellschaft darstellen, hat Oppositionsführer Mir-Hossein Mussavi vergangenen Herbst in einer Erklärung zur Sprache gebracht: „Sanktionen würden nicht gegen die Regierung wirken – eher würden sie nur einem Volk ernsthaft Leid zufügen, das großes Unheil seitens seiner eigenen Staatsmänner davongetragen hat. Wir lehnen jede Art von Sanktionen gegen unsere Nation ab,“ schrieb er unmissverständlich. Ebenso äußerte sich sein Mitstreiter Mehdi Karroubi kürzlich in einem Interview gegenüber Corriere della Serra.

Unterdessen verbleibt ein grundsätzliches Problem, was kaum die notwendige Beachtung findet, vor allem von jenen, die der abenteuerlichen Illusion erliegen sind, die Ausgestaltung und Implementierung von Sanktionen mit bestimmen zu können: Iran-Sanktionen werden hauptsächlich von der American Israeli Public Affairs Committeekonzipiert, dem US-Kongress in den meisten Fällen zum bloßen Durchwinken vorgelegt und schließlich im Finanzministerium vom Under Secretary for Terrorism and Financial IntelligenceStuart Leveyein AIPAC-Vertrauter – implementiert. Im Zuge dieses ganzen Prozesses spielen die für die iranische Zivilgesellschaft potentiell schädlichen Folgen kaum eine Rolle. (AIPAC)

Sanktionen – ob “lähmend” oder “smart” – fügen letzten Endes der Bevölkerung Schaden zu. “Kluge Sanktionen” sind ebenso ein Oxymoron wie “intelligente Bomben”, welche angeblich in gezielter Manier mit „chirurgischen Schlägen“ ausschließlich die üblen Komponenten ausnehmen. Und wie ihre militaristischen Geschwister im Geiste überwiegen schließlich die „Kollateralschäden“ „smarter Sanktionen“. Diese als „klug“ zu empfinden, kann denn nur als purer Zynismus gelten.

Eine stumpfe politische Waffe in der heutigen Welt

Darüber hinaus entpuppen sich Sanktionen in einer globalisierten, zunehmend multipolaren Welt als stumpfe politische Waffe, zumal wenn sie noch auf energiereiche Länder abzielen. Zahlreich sind jene durch Profit gelenkten Akteure, die nur zu froh darüber sind, das von anderen hinterlassene Vakuum zu füllen. Somit haben bislang chinesische, russische, sogar US-amerikanische (via Dubai agierende) Firmen beträchtlich durch den allmählichen, unter Washingtoner Druck erfolgten, Rückzug europäischer Wettbewerber profitiert.

Die in manchen westlichen Politikkreisen nahezu obsessiv betrachteten Sanktionen sind keine Heilung versprechende Medizin, sondern wirken eher wie ein langsames Gift, die der iranischen Zivilgesellschaft und ihrer Demokratiebewegung zugeführt wird. Als Prototyp wirtschaftlicher Kriegsführung stellen Sanktionen gemeinsam mit dem saisonal aufflammenden Ruf nach Krieg eine gefährliche Mischung dar. Die nun wieder vernehmbaren Kriegstrommeln schlagen wieder einmal auf das pulsierende Herz der iranischen Zivilgesellschaft.

Sanktionen und Kriegsdrohungen: Gift für demokratische Entwicklung

Im Gegensatz zu politischen Bekenntnissen schaden Sanktionen der Zivilgesellschaft, während die Stellung der Hardliner zementiert wird. Irans Mittelschicht wird durch diese weitere Isolation des Landes getroffen, zumal Sanktionen ehrliche Händler bestrafen, korrupte wiederum belohnen. Die Garden, denen man die Kontrolle von 60 Häfen am Persischen Golf zurechnet, durch denen sie ein Gros der Importe abwickeln, können weiterhin auf blühende Geschäfte durch oftmals “dunkle Kanäle” setzen.

So ist der nicht ganz versteckte “Kollateralschaden” der nimmer enden wollenden Sanktionen ein nachhaltiger Übergang zu Demokratie in Iran. Letzterer würde für den Status-Quo in der Region samt seiner mit dem Westen befreundeten Autokratien ein herrschaftspolitisches Risiko darstellen.

Was nun? „Chirurgische Schläge“ oder ernsthafte Diplomatie?

Die unendliche Sanktions-Geschichte spiegelt denn auch den nahezu verzweifelten Versuch westlicher Politiker wider, im Angesicht widriger Umstände ihren Willen Iran aufzuzwingen, ihrer eigenen „Glaubwürdigkeit“ wegen doch etwas „zu tun“. Ein alles in allem vergebliches, sogar gefährliches, Unternehmen. Denn nicht zuletzt wird zu befürchten sein, dass im Anschluss an „klugen Sanktionen“, der Ruf nach „chirurgischen Militärschlägen“ nicht lange auf sich warten lässt.

Anstatt der illusorischen Hoffnung weiterhin zu erliegen, dass eines nicht allzu fernen Tages Sanktionen ihre erwünschte Entfaltung ausbreiten, müsste man ein für allemal die Bremse ziehen. Der einzige Ausweg wäre, eine Politik zu beherzigen, die in der Lage wäre, Hardliner aller Seiten zu entwaffnen, deren Geschäft in dem Teufelskreis der Feindseligkeit nur allzu gut gedeiht. Nur durch eine Entspannungspolitik kann man das Wasser auf den Mühlen der Radikalismen nachhaltig abtragen – und überdies zu einer nachhaltigen Entversicherheitlichung iranischer Politik beitragen. Existierende Sanktionen, die oft zivile Güter betreffen, aufzuheben, könnte Wunder bewirken und erheblich die Fundamente konfrontationslustiger Akteure erschüttern.

Trotz unreifer Behauptungen, hat sich der diplomatische Weg nicht erschöpft. Man ist ganz im Gegenteil noch lange davon entfernt. Zumal ein Kernproblem im regionalen Sicherheitsdilemma besteht, wäre es in der Tat wirklich klug, wenn sich der Westen ernsthaft bemühte, die Atommacht Israel an das nukleare Nichtverbreitungsregime zu binden. Die transatlantische “Zwangsdiplomatie” gegenüber Iran – wie man sie in Diplomatischen Studien zutreffend benennt – sollte somit eingestellt werden, da sie Aussichten auf Frieden und eine Entwicklung hin zur Demokratie trübt.

QUELLE

Ali Fathollah-Nejad (2010) Unkluge Kollateralschäden „smarter Sanktionen“ gegen Iran, Telepolis, 23. März;

erschienen in FriedensJournal, Nr. 3/2010 (Mai), S. 6–7.

auch veröffentlicht auf ZNet Deutschland, 23.03.

auch veröffentlicht auf Global Research, deutsche Site, Montreal: Centre for Research on Globalization, 29.04.

Iran: Gescheiterter Auftakt im Atompoker

Der Verhandlungsprozess zwischen dem Westen und dem Iran war in der Vergangenheit nicht von Erfolg gekrönt, vielmehr hat sein Misslingen zur Eskalation des Konfliktes beigetragen. Es war ein vorhersehbares Scheitern, der vom Westen bevorzugte »Zuckerbrot-und-Peitsche«-Ansatz setzte auf Letzteres, ohne das Erstere ernst zu nehmen. Durch die machtpolitisch forcierte rechtliche Diskriminierung Irans im sog. Atomstreit, perpetuiert von den den Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NVV) missachtenden Atommächten USA, Großbritannien, Frankreich und Israel, wurde mit der Konstruktion des Schreckgespenstes iranische, »islamische« Bombe politischer Druck auf Teheran erzeugt.

Nach acht Jahren der konfrontativen Bush-Politik, deren neokonservatives Säbelrasseln die Welt an den Abgrund eines Krieges mit Iran brachte, wurden an Obamas versöhnlichere Töne viele Hoffnungen geknüpft. Mit seiner Ankündigung mit Teheran in direkte Verhandlungen zu treten, wurde dann auch formal betrachtet ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen beiden Ländern eröffnet. Die erste Episode begann am 1. Oktober 2009, als in Genf Verhandlungen zur Beilegung des »Atomstreits« zwischen Iran und den G5+1 (den fünf ständigen UN-Sicherheitsratsmitgliedern und Deutschland) begannen.

Zu der strategischen Notwendigkeit für die USA, angesichts ihrer Kriege im Irak und in Afghanistan mit der Regionalmacht Iran direkte Gespräche zu führen, kam eine nuklearpolitische Dimension hinzu. […]

Lesen Sie hier weiter.

QUELLE

Ali Fathollah-Nejad (2010) “Iran: Gescheiterter Auftakt im Atompoker”, in: Informationsstelle Wissenschaft und Frieden (Hg.) 2008: Yes we can – 2010: No I can’t? Ein Jahr US-Außen- und Militärpolitik unter Obama, Dossier Nr. 63, Beilage zu Wissenschaft und Frieden, Jg. 28, Nr. 1 (Februar). [Fertigstellung des Artikels: 5. Januar 2010]

 

About the article | “Iran: Failed Prelude to the Nuclear Poker” (in German) by Ali Fathollah-Nejad deals with Obama’s Iran policy after one year in office while focusing on the nuclear talks from the 1 October 2009 Geneva meetings until the end of the year. It was published in a supplement to the leading German peace research journal Wissenschaft & Frieden (Science & Peace) on Obama’s foreign and military policies.

Dem Iran drohen im Atomstreit schärfere Sanktionen

zenith

Im September bekamen jene Aufwind, die dem Iran vorwerfen, sein Atomprogramm zu verheimlichen. Teheran hatte nämlich angekündigt, dass eine zweite Uran-Anreicherungsanlage in Ghom gebaut wird, wovon die Öffentlichkeit bis dato nichts wusste. Bei ihrem Besuch hatte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) Entwarnung gegeben, doch vieles spricht nun dafür, dass sich die USA und die EU über schärfere Sanktionen verständigen, die auch die Energieversorgung Irans tangieren. […]

Der Artikel als pdf.

Das gesamte Heft ist im Zeitschriftenhandel erhältlich oder hier zu bestellen.

QUELLE

Ali Fathollah-Nejad & Miriam Shabafrouz (2009) “Dem Iran drohen im Atomstreit schärfere Sanktionen”, zenith – Zeitschrift für den Orient, Jg. 11, Nr. 4, S. 38–39.

About the article | In “Iran is Threatened with Harsher Sanctions” (in German), Ali Fathollah-Nejad and Miriam Shabafrouz (research fellow at the German Institute for Global and Area Studies, GIGA, Hamburg) discuss the ramifications of tigheting sanctions in terms of conflict resolution in the West-Iran stand-off and the political development of Iran. Exclusive statements have been gathered from Professor Volker Perthes (director of the German Institute for International and Security Affairs, Berlin),  Professor Henner Fürtig (sanctions expert and director of GIGA’s Institute of Middle East Studies) and Dr. Patrick Clawson (deputy director for research at the Washington Institute for Near East Policy, Washington D.C.). Published in zenith, one of the leading Middle East magazines in Germany.

A conversation with Feridun Zaimoğlu: “You’ve got to swing your hips!” | Feridun Zaimoğlu im Gespräch mit Ali Fathollah-Nejad: “Man muss mit den Hüften schwingen!”

PRAISE

»a refreshingly vivacious interview«

(Carl H. FrederikssonCo-founder & editor-in-chief, Eurozine; president, Eurozine – Verein zur Vernetzung von Kulturmedien; Permanent Fellow, Institute for Media and Communication Policy, Berlin)

 
German author Feridun Zaimoglu, pioneer of the “Kanak” school of fiction (the migrant underworld described in the vernacular of its young male protagonists), has begun narrating from the Muslim woman’s perspective. In his latest novel Leyla, a Turkish woman tells about her life in Germany; while in a new work for theatre entitled Schwarze Jungfrauen (Black Virgins), young Muslim women talk openly about sex. In March 2007, Zaimoglu ruffled feathers when he gave up his place at an official conference on Muslims in Germany in protest at the non-attendance of young ordinary Muslims and criticized feminist former-Muslims for demonizing young Muslim women. With characteristic verve, he explained to Ali Fathollah-Nejad why the discourse in Germany operates double values when it comes to the questions of multiculturalism and integration.
 

Ali Fathollah-Nejad: Following your work as a reader, there’s one shift in your writing I find particularly interesting. One daily paper said of Kanak Sprak[1] that there’s an “incredibly hard beat” behind it. Reading your new stories – and also your new novel Leyla – this beat has become a melody. What led to this change in your “writer’s dance”?

Feridun Zaimoglu: I really enjoy writing from different perspectives. It wasn’t just Kanak Sprak, but also Abschaum[2] that made my name. I slipped into the role of a suburban gangster. At the time I used to wear my hair a bit longer and for a few years I only made appearances in a suit. Anyone who saw me always thought “What a joke! He reckons he’s writing about the life of a junkie, the life of a gangster. But that’s his own life!” So, I really like taking on different roles. With every book I write I look at how I can do justice to the person. In Leyla I just felt like telling the story of an ordinary woman who ends up in Germany. And then I almost couldn’t help making the book quieter. And that’s when I’d like to think that I discovered the right narrative tone.

AF-N: You read from Leyla and people ask you “Is that how things really are?” In a way you’re a kind of cultural mediator, you explain to many Germans aspects of foreign cultures that they don’t really understand, or at least you provide a way into those cultures.[3] That clearly entails a massive responsibility. How do you find that?

FZ: Responsibility! Responsibility? Either you can take pleasure in the whole thing, or you can sit there with buttocks clenched. Open the book, read, get excited, and then come the questions. Cultural mediation? Yeah, well, if what I write has this added value in some way, then great. But that’s not an intention of mine. It’s all about telling stories. But “cultural mediator”, “cultural broker”, good God! I got labelled “the Malcolm X of the Turks”, “the Rudi Dutschke of the immigrant Germans”, and then some people got cross when I said “German, enough said!” They don’t know what goddamn time it is! They don’t know that this whole ethnic thing gets made into the object of political conflicts. This whole ethnic crap gets on my nerves. And then people look at me if I say “German”! I know that over ninety per cent are thinking “You look like what you look like. With your name? Mate, with your face? No one but you is gonna believe that!” I couldn’t care less about that. What’s the one thing that matters? The way I see myself! I’m not dependent on other people’s opinions, but I am a sucker for the limelight. I love being on stage and vanishing into these roles instead of pushing my own boring life to the forefront of what I do. And that’s when things start buzzing…

AF-N: Kanak Sprak performed an important function at the time. You were seen on numerous TV debates on racism with long hair and a smart beard. You were very political, very subversive and radical in your opinions. What triggered this shift towards being a writer who devotes himself to classical themes, rather than the kind of underworld themes that you started out from?

FZ: Have I really changed? I think it is a political act to tell the story of those women who – and I don’t want to draw representative figures here – didn’t appear in those public debates, or even in the political discussions. When I was writing Kanak Sprak, I said that I wanted to make visible those people who don’t get a chance to speak. My heroes and heroines are not middle-class. That’s because what I find exciting – what seethes, ferments, grows wild – I don’t see in Germany in the middle class, in the bourgeois. I find the world of the unsophisticated – sometimes negative as it is, but even so, alive – in the world of the white trash and in the ethnoproletariat. I don’t want to write about middle-class people; I don’t get this discreet, decadent charm that the bourgeoisie are supposed to have. And nothing’s changed there. It would be a great shame if at 41 I were still playing the neighbourhood radical, fist clenched, yelling “Kanak Attack”[4]. I don’t think I’ve started to behave myself. I think it’s more that I’m not making it so easy for myself anymore.

AF-N: Do you think that other people in Germany have a responsibility to write as radically as you have done?

FZ: But of course. How vain, how stupid, how ignorant it would be for me to say: “That’s what I wrote then and because I wrote it, that’s that.” The reason I’m so positive is that there really are a great deal of radical approaches, because there are loads of people out there, in the cultural sphere as well, who really are pretty smart and are pushing the envelope. I haven’t de-radicalized! Some people will be surprised to hear that.

AF-N: You did have a pioneering role. Looking back, there’s been a wave Germans with a foreign background in the cultural scene who have tried to push their way into the public eye – the film director Fatih Akin being a prominent example. What do you think of this movement?

FZ: Shake, rattle and roll! I think a lot of it, I really do. There are a whole lot of great talents out there, great people. Something’s caught fire. And I think it’s going to get pretty intense over the next few years, because the fights over allocations and the rat race for jobs and training vacancies are getting fiercer, and because even schools and universities are geared towards selection according to historical and cultural criteria. Who gets the big prizes and who gets excluded? These mechanisms persist. Well, one of these days it’s going to be “Wakey wakey!” The state is retreating from the cultural and social sectors and private individuals can’t fill the void, and that means social conflicts in the future. There’s a time bomb ticking away there.

AF-N: Doesn’t it make you sad that this discourse still exists? Nothing’s changed at all!

FZ: Absolutely right.

AF-N: What needs to be done in order to make this discourse crumble away, to change it – especially from the immigrant point of view?

FZ: I’m not an immigrant, I’m German! That’s the first step. You can start by choosing the right terms. It’s like slam poetry – who’s at the mike, who isn’t! It’s still a struggle for cultural hegemony. That’s not going to go away in ten years – not in 20, 30 or 40 years. But Germany is changing. Some people smile at me as if to say “Hey look, the Kanak guy’s written the leader in Die Zeit.[5] These idiots don’t know what they’re talking about! With all due respect, they haven’t got a clue. They haven’t understood the rules of cultural hegemony, because that’s a tough job, a hardcore job.

AF-N: Do you mean that radicalism is needed to change the discourse?

FZ: Radicalism bound by dogma is doomed to failure. It’s a kind of minority within a minority within a minority.

AF-N: So what about a progressive radicalism, one you used in Kanak Sprak by letting people speak, or by trying to speak on behalf of those who have no voice in the German public sphere?

FZ: Something many people may find intolerable is that there’s no uniform line. You’ve got to swing your hips! Opportunism is another thing. There are lots of people in politics who are opportunists. They’re the kind of party bores who have nothing better to do at parties than sit around and jabber. Then there are people who are on the dance floor. They’re moving their hips. It’s that simple. Either be in the thick of it, or stuff yourself with crisps on the sidelines and say “What a dull party!” It’s not the party that’s dull, it’s them. There’s a big difference. That’s how it is in politics.

AF-N: You just mentioned your article in Die Zeit. I’d like to move on to the situation in the media. There was all the fuss about the Rütli School.[6] I think you’ve contributed a great deal to the debate through your publications, but I still have the feeling that in the media in general there’s a certain atmosphere of inertia. I get the feeling that not a lot is changing. What’s your view?

FZ: I’ve given hundreds of readings in schools, mostly in Hauptschulen and in youth clubs. So these experiences are the basis for my views. One thing is that the three-tier school system is also subdivided according to ethnicity. There are the failures – who aren’t failures at all; dammit, I very nearly ended up in a special school. It’s true – I was that close to landing up there! Your typical Turk is generally seen as a PISA [7] failure and a playground yobbo. That stereotype exists. There’s a male problem going on, a problem with boys. This crap about male honour. If what that amounts to is some nasty coward who goes and shoots his sister, what do we do with him? There’s no straightforward answer to that. It’s different from case to case. You’ve got to look at it carefully, talk to people. I’m not surprised – the notion of a dominant German culture, a Leitkultur, the cartoon controversy, then Necla Kelek,[8] Seyran Ates,[9] and now there’s open season on all male, Muslim, immigrant adolescents. That’s why I say to people “Wakey wakey!” Did they think the class society no longer exists, or what? It still exists, and will continue to exist. And the ethnic factor is how the ruling class wants to look at it. It’s as simple as that. And anyone who comes along with their neoliberal crap, who stops thinking politically and starts looking at things ethnically, is behaving just like the ruling classes – and that includes the media and its movers and shakers. They talk about school and then they lay into the teachers. Yes – but if you thought politically, you would look at what is being done in schools. What funding has been slashed? What’s left in the pot? What’s happening on a day-to-day basis? That’s one thing. But the other thing is then also to say: “You know, guys, your honour, you can stick it up your immigrant arses. Your fucking male honour!” What is that? That is a crime. Those people are criminals. That’s how it needs to be discussed. The rightwingers always step in and say “Hey, they come from a different cultural background.” True, we mustn’t trivialize things that come from this different cultural sphere either. That would be idiotic. But nor should people play the white man by coming along as a feminist activist and to a certain extent shooting down these kids, then talking about religion and making their ethnic background the topic of discussion. These people are the white man’s little women. And these little women come and go and come and go. Here you might see the label “feminism”, there it’s “a particularly self-assured Green”, or whatever all these opportunists are called. You look at all that, but you must never stop looking at it politically. The political viewpoint rocks!

AF-N: But politics is only possible through participation. Yet in our society there aren’t that many people with a non-German background who take part in public discourse.

FZ: That’s changing.

AF-N: But it can only be changed through education?

FZ: It can be changed above all by means of the German language. For the sake of the children’s future we shouldn’t moan about German being compulsory. That’s yet another piece of ethno-nonsense. And then all these Turkish spokesmen come along, and these lefty liberals, all these jokers, and they tell us “Oh, but we can’t ask that of the children.” You twits! How much do you earn in a month? You’ve got it made. What is participation? Involvement starts from early childhood. When my parents couldn’t go through my homework with me at primary school, what are we supposed to say about that? That’s a built-in disadvantage right from the off. Yeah, so what? Did I cry? Did I hell! I fell for Petra at school and wanted to impress her. I wanted to stand out a bit by using classy German. You can’t say “Oi, mate!” to a woman! So what sources of motivation do people have? Politics is all well and good, but when the political class ignores the human situation, it gets detached and loses touch with reality. You’ve always got to look at what’s going on at the bottom!

AF-N: Is Leyla in Wonderland just a working title? Or is Germany a wonderland?

FZ: Yes. It really was the economic wonderland that my parents set out for: my father who worked with leather, my mother a cleaner. They kept drumming the basic principle into me: “Don’t spit into the bowl you’re eating from! Don’t put down the Germans, you arsehole!” And I thought “That’s right! This is a nice country! It’s great here!” What would have become of me if I hadn’t come here? A Muslim farmer, or what? Great career! Why shouldn’t people also say “Germany, my opportunity”? Does that sound emotional? Well it is! And that’s the crucial point: feelings play a major role. We mustn’t burn ourselves out – we can’t run out of breath. I mustn’t judge others by my own standards – nor do I. I haven’t lost touch with reality. So I can tell one thing from another. I’m in great spirits. But it’s really important to maintain one’s energy. The rebellious aspect too. In the meantime every CDU bigwig has become a rebel. I’m ready any moment for Mrs Merkel to come out, for her to say “Oh yeah, I used to wear a biker jacket and hightail it through the neighbourhood.” I don’t mean it like that, of course. What I mean is: rebellion has a good aura about it. Later, you look in the mirror: you kept getting on the wrong end of the coppers’ truncheons, but you were out there and did this and that. Maybe it wasn’t that much of a success, but man, was it exciting! The middle-class conservatives come at it from their rightwing angle. All that stuff makes them sick! And nothing’s changed about that. But they’re more successful now too. And you know what – screw their villas! Good God. Amen to that.

[1] The title of Feridun Zaimoglu’s notable debut, Kanak Sprak: 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft (Kanak Sprak: 24 Notes of Discord from the Margin of Society), Hamburg (Rotbuch), 1995.
[2] Feridun Zaimoglu: Abschaum. Die wahre Geschichte von Ertan Ongun (Scum. The True Story of Ertan Ongun), Hamburg (Rotbuch), 1997
[3] Zaimoglu took part in the first sitting of the German “Islam conference” in September 2006, a “summit meeting” between the German state and representatives of Muslim organizations as well as “cultural Muslims” critical of Islam. Zaimoglu resigned from the second conference in May 2007 in protest at what he saw as the absence of second and third generation “neo-Muslims”; his seat, he argued, could be better occupied by a young Muslim, whom the conference was supposedly about. Zaimoglu’s advocacy for young Muslims’ religious freedom, especially that of young Muslim women, and his critique of what he saw as the conservatism of feminist criticism of Islam, was controversial yet met with widespread sympathy in the liberal press. For more on the German Islam Conference see: Claus Leggewie, “Between national Church and religious supermarket” in Eurozine.
[4] Slogan of a radical immigrant movement.
[5] See “Mein Deutschland” in Die Zeit, No.16, 12 April 2006, p.1, by Feridun Zaimoglu. In English, “My Germany” in signandsight.
[6] The Rütli School is a Hauptschule (secondary modern) in Neukölln, Berlin. In 2006, the school’s headteacher, unable to control the violence in her school, made an appeal for help to the Berlin Senate. This led to a debate about the school system in Germany, violence in schools and the integration of the children of immigrants.
[7] Programme for International Student Assessment
[8] Germany’s foremost critic of the treatment of women in Islam, also present at the Islam conference.
[9] A Turkish lawyer and women’s rights activist, she gave up practising in 2006 following threats from legal opponents.

SOURCE

Ali Fathollah-Nejad (2007) “»You’ve got to swing your hips!« – A conversation with Feridun Zaimoğlu”, translated from German by Saul Lipetz, Eurozine, 16 November.

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Man muss mit den Hüften schwingen!

Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu

Ali Fathollah-Nejad sprach mit Feridun Zaimoglu in Münster über seine Lust am Geschichtenerzählen, über Politik und Schriftstellerei und über Deutschland.

Ali Fathollah-Nejad: Wenn man Dich als Leser begleitet hat, dann war ein Wandel besonders interessant: Eine Tageszeitung hat einmal über Kanak Sprak[1] geschrieben, dass dahinter ein unglaublich harter Beat stecke. Wenn man jetzt deine neueren Erzählungen – und auch deinen neuen Roman Leyla – nimmt, ist aus diesem Beat eine Melodie geworden. Wie kam es zu dieser Veränderung in deinem schreiberischen Tanz?

Feridun Zaimoglu: Ich habe große Lust und große Freude daran, Rollenprosa zu machen. Ich bin ja nicht nur mit Kanak Sprak, sondern vor allem auch mit Abschaum[2] auffällig geworden. Ich bin da in die Rolle eines Vorstadtgangsters geschlüpft. Damals trug ich die Haare etwas länger, und ein paar Jahre lang bin ich sogar nur im Anzug aufgetreten. Wer mich gesehen hat, dachte immer: “So ein Blödsinn! Der behauptet, er würde jetzt über das Leben eines Junkies, eines Gangsters schreiben. Das ist sein eigenes Leben!” Also, ich habe große Lust, in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Ich gucke mir natürlich bei jedem Buch, das ich schreibe, an, wie ich der Person gerecht werde. In Leyla hatte ich eben Lust, die Geschichte einer einfachen Frau zu schreiben, die es nach Deutschland verschlägt. Da hat es sich geradezu aufgedrängt, das Buch leiser zu schreiben. Ich habe da den erzählerischen Ton entdeckt.

AF-N: Du liest aus Leyla und die Leute fragen dich “Ist das wirklich so?” In gewisser Weise bist du Kulturvermittler, du erklärst vielen Deutschen einen Teil der ausländischen Kulturen, die sie so nicht verstehen, zumindest bist du ein Zugang dazu. Da steckt sicherlich eine Riesenverantwortung dahinter. Wie findest du das?

FZ: Verantwortung? Man kann das Ding entweder mit Lust und Laune machen, oder man kann mit zusammengekniffenen Arschbacken da sitzen. Buch auf, lesen, brennen, und dann kommen die Fragen. Kulturvermittlung? Na ja, wenn es gewissermaßen diesen Mehrwert hat, wunderbar. Aber das liegt doch nicht in meiner Absicht. Worum es geht, ist, Geschichten zu erzählen. Und “Kulturvermittler”, “Kulturmakler”, mein Gott! Ich wurde etikettiert als “Malcolm X der Türken”, als “Rudi Dutschke der Deutschländer”, und dann waren auch einige Leute böse, als ich sagte “Deutscher und Schluss!” Die wissen nicht, wie spät es ist, verdammt noch mal. Die wissen nicht, dass diese ethnische Geschichte zum Gegenstand von politischen Auseinandersetzungen gemacht wird. Dieser ethnische Blödsinn geht mir auf die Nerven. Die Leute gucken ja auch, wenn ich sage “Deutscher”! Ich weiß doch, dass über 90 Prozent denken: “Du siehst aus, wie du aussiehst. Mit deinem Namen, Alter, mit deiner Fresse? Das glaubst auch nurdu!” Das ist mir doch so was von egal. Es kommt auf was an? Auf mein Selbstverständnis! Ich bin nicht auf die Meinung von Leuten angewiesen, aber ich bin eine Rampensau. Ich liebe es, auf der Bühne zu sein und nicht mein eigenes langweiliges Leben in den Vordergrund zu stellen, sondern in diese Rollen zu tauchen. Und ab geht die Post!

AF-N: Kanak Sprak hat damals eine wichtige Funktion eingenommen. Man hat dich bei sehr vielen Rassismus-Debatten im Fernsehen mit langem Haar und feinem Bart erlebt. Du warst politisch sehr engagiert, sehr subversiv und radikal in deinen Aussagen. Wie kam dieser Wandel zu einem Schriftsteller, der sich klassischen Themen zuwendet und nicht mehr solchen Milieuthemen, aus denen Du entsprungen bist?

FZ: Habe ich mich tatsächlich gewandelt? Ich glaube, es ist ein politischer Akt, die Geschichte jener Frauen zu erzählen – ohne jetzt repräsentative Figuren zu zeichnen –, die in den öffentlichen Debatten, auch in den politischen Auseinandersetzungen, nicht vorgekommen sind. Als ich mit Kanak Sprakunterwegs war, habe ich gesagt, ich möchte diejenigen, die nicht selber zu Wort kommen, sichtbar machen. Meine Heldinnen und Helden sind nicht-Bürgerliche. Das kommt daher, dass ich das Spannende, das Gärende, das wild Wachsende eben nicht in Deutschland beim Bürgertum, bei den Bürgerlichen sehe. Ich sehe das Unaufgeklärte – manchmal auch das Negative, aber das Lebendige – beim White Trash und beim Ethnoproletariat. Ich habe keine Lust, über Bürgerliche zu schreiben, ich entdecke nicht den diskreten, dekadenten Charme der Bourgeoisie. Und daran hat sich ja nichts geändert. Es wäre sehr schade, wenn ich mit 41 Jahren immer noch mit geballter Faust in der Tasche den Kiezradikalen mache, der “Kanak Attack” brüllt. Ich glaube nicht, dass ich brav geworden bin. Ich glaube eher, dass ich es mir nicht mehr so einfach mache.

AF-N: Findest du, dass andere Leute in Deutschland heute die Verantwortung haben, so radikal zu schreiben, wie du es gemacht hast?

FZ: Aber selbstverständlich. Wie eitel, wie bescheuert, wie ignorant wäre es von mir zu sagen: “Ich habe das damals geschrieben, und weil ich es geschrieben habe, ist damit Schluss.” Ich bin so guter Dinge, weil es wirklich sehr viele radikale Ansätze gibt, weil es sehr viele Leute da draußen gibt, die auch im Kultursektor echt was los haben und was schieben. Ich habe mich nicht entradikalisiert. Da werden sich einige Leute wundern.

AF-N: Du hast ja eine Pionierrolle gehabt. Im Nachhinein gab es eine Welle, verursacht durch Deutsche mit ausländischem Hintergrund, die versucht haben, in der Kulturszene an die Öffentlichkeit zu treten – prominentes Beispiel ist Fatih Akin. Was hältst du von dieser Bewegung?

FZ: Es rappelt mächtig in der Kiste. Und ich halte viel davon, sehr, sehr viel. Es sind sehr viele großartige Talente, großartige Menschen unterwegs. Da hat etwas Feuer gefangen. Und es wird, wie ich denke, in den nächsten Jahren ziemlich heftig werden, weil die Verteilungskämpfe und das Rattenrennen um Jobs und Ausbildungsplätze heftiger werden, und weil auch die Schulen und die Universitäten darauf ausgerichtet sind, geschichtsspezifisch und klassenspezifisch auszusieben. Wer darf an die goldenen Krüge und wer wird ausgeschlossen? Diese Ausschließungsmechanismen gehen ja weiter. Tja, irgendwann hieß es’”Guten Morgen, Freunde!” Der Staat zieht sich zurück aus Kultur und Sozialem und die Privaten können die Lücke nicht füllen, was bedeutet, dass es in Zukunft soziale Konflikte geben wird. Das ist Brennstoff, das gärt.

AF-N: Macht es dich nicht traurig, dass dieser Diskurs nach wie vor besteht? An ihm hat sich ja nichts geändert.

FZ: Ganz genau.

AF-N: Was muss man machen, um diesen Diskurs zum Bröckeln zu bringen und ihn zu verändern, insbesondere aus Migrantensicht?

FZ: Ich bin kein Migrant, ich bin Deutscher! Das ist der erste Schritt. Man kann erstmal die richtigen Begriffe wählen. Es ist doch wie bei Slam Poetry – wer ist am Mic und wer nicht? Es ist immer noch ein Kampf um kulturelle Hegemonie. Der wird nicht in zehn Jahren, nicht in zwanzig, in dreißig, in vierzig Jahren zu Ende gehen. Aber Deutschland ändert sich. Ich werde belächelt von einigen: “Ach guck mal, der Kanakster hat den Leitartikel in der Zeit geschrieben.”[3]Die wissen nicht, was sie sagen, diese Idioten! Die haben keine Ahnung, mit Verlaub. Die haben die Gesetze der Kulturhegemonie nicht verstanden, denn das ist ein harter, knallharter Job.

AF-N: Sind das Gesetze, die Partizipation zulassen, oder muss Radikalität den Diskurs ändern?

FZ: Eine Radikalität, die Dogmen verpflichtet ist, ist zum Scheitern verurteilt. Sie ist gewissermaßen eine Minderheit in der Minderheit in der Minderheit.

AF-N: Was ist denn mit der aufklärerischen Radikalität, die du in Kanak Sprakbenutzt hast, indem du einfach die Leute zu Wort hast kommen lassen oder versucht hast, für jene zu sprechen, die in der deutschen Öffentlichkeit keine Zunge haben?

FZ: Was für viele Menschen vielleicht unerträglich ist: es gibt keine einheitliche Linie. Man muss mit den Hüften schwingen. Opportunismus ist etwas anderes. Es gibt viele Leute in der Politik, die Opportunisten sind. Das sind Partystinker, die auf den Partys nichts Besseres zu tun haben, als herumzusitzen und zu labern. Dann gibt es aber Leute, die auf der Piste sind. Die bewegen die Hüften. So einfach ist die Sache. Also entweder dabei sein oder am Rand Chips futtern und dann sagen: “Das ist ‘ne öde Party!” Nicht die Party ist öde, sie selbst sind öde. Das ist ein großer Unterschied. So ist es in der Politik.

AF-N: Du hast eben deinen Zeit-Artikel angesprochen. Ich möchte gerne an die Situation der Medien anknüpfen. Es gab dieses ganze Brimborium um die Rütli-Schule.[4] Ich denke, du hast durch deine Veröffentlichungen sehr viel zu der Debatte beigetragen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass in der breiten Medienwelt doch ein gewisser Stillstand herrscht. Ich habe das Gefühl, da verändert sich nicht viel. Wie siehst du das?

FZ: Ich habe so einige hundert Lesungen in der Schule gemacht, meistens in Hauptschulen und Jugendhäusern. Ich gehe jetzt einfach mal von diesen Erfahrungen aus. Das Eine ist, dass das dreigliedrige Schulsystem auch ethnisch gliedert. Es gibt die Versager – die keine Versager sind. Mein Gott, um ein Haar wäre ich in der Sonderschule gelandet. Es war so. Um ein Haar! Der Türke an und für sich kommt als PISA-Versager und als Pausenhofrüpel vor. Aber es gibt ihn. Es gibt auch ein Männerproblem, ein Jungsproblem. Dieser Dreck von Männerehre. Wenn der darauf hinausläuft, dass irgend so ein Hosenscheißer daherkommt und seine Schwester abknallt, was macht man dann mit dem? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Von Fall zu Fall ist es verschieden. Man muss hingucken, man muss mit den Leuten reden. Es wundert mich doch nicht – Leitkultur, Karikaturen-Streit, dann Necla Kelek, Seyran Ates, und der männliche muslimische Migrantenjugendliche ist zum Abschuss freigegeben. Deshalb sage ich den Leuten “Guten Morgen!” Haben die gedacht, die Klassengesellschaft hat aufgehört, oder was? Die besteht immer noch, und die wird auch weiterbestehen. Und das ethnische Moment ist eine Begierde der herrschenden Klasse. So einfach ist das. Und wer mit neoliberalem Dreck kommt, wer aufhört politisch zu denken und anfängt ethnisch hinzugucken, tut es den herrschenden Klassen – und dazu gehören auch die Medienmacher und die Medien – gleich. Sie reden nämlich von der Schule und dreschen dann auf die Lehrer ein. Ja, aber wenn man politisch denken würde, dann würde man schauen, was wird an den Schulen gemacht? Was wurde an Geldern gestrichen? Was ist im Topf noch drin? Was passiert im Alltag? Das ist das Eine. Und das Andere ist, dann aber auch zu sagen: “Eure Ehre, Freunde, wisst Ihr, könnt Ihr Euch echt zwischen Eure Migrantenarschbacken rammen. Eure beschissene Männerehre!” Was ist das? Das ist ein Verbrechen. Das sind Kriminelle. So muss das besprochen werden. Die Rechten kommen immer und sagen “Hey, die kommen aus einem anderen Kulturkreis.” Man darf tatsächlich Dinge, die aus diesem anderen Kulturkreis kommen auch nicht bagatellisieren. Das wäre Blödsinn. Man darf ja auch nicht den weißen Männern das Wort reden, indem man als Frauenrechtsaktivistin daherkommt und gewissermaßen diese Jungs da abschießt, dann von der Religion spricht und die ethnische Grundlage zum Gegenstand der Erörterung macht. Das sind Weibchen der weißen Männer. Und diese Weibchen kommen und gehen und kommen. Da ist das Etikett “Feminismus”, da ist das Etikett “besonders selbstbewusste Grüne” oder wie immer all diese Opportunisten und Aufklärungsspießer heißen. Man guckt sich das an, aber man darf nie aufhören, sich das politisch anzusehen. Der politische Blick ist ein geiler Blick!

AF-N: Aber Politik ist ja nur möglich durch Partizipation. In unserer Gesellschaft hingegen gibt es nicht so viele, die einen nicht-deutschen Hintergrund haben, sich jedoch am öffentlichen Diskurs beteiligen.

FZ: Das ändert sich. 

AF-N: Es kann sich aber nur durch Bildung ändern?

FZ: Es kann sich vor allem durch die deutsche Sprache ändern. Um der Zukunft der Kinder willen soll man nicht von Deutschzwang schwätzen. Das ist schon wieder so ein Ethnoblödsinn. Und dann kommen diese ganzen Türkenvertreter, dann kommen diese Linksliberalen, es kommen all diese Fuzzies und erzählen “Ach, das dürfen wir den Kindern nicht zumuten.” Ihr Deppen! Ihr verdient wie viel im Monat? Ihr seid hier fein ‘raus. Partizipation ist was? Beteiligung fängt von klein auf an. Wenn meine Eltern mit mir meine Hausaufgaben in der Grundschule nicht durchgehen konnten, was ist das da: Das ist schon mal ein Standortnachteil. Ja und? Habe ich geheult? Nee! In der Schule habe ich mich in Petra verknallt und wollte sie beeindrucken. Ich wollte ein bisschen glänzen durch so ein Bella-figura-Deutsch. Man kann ja eine Frau nicht “Hey Alter!” nennen. Was sind also die Initiativkräfte? Politik ist gut, aber wenn das politische Bewusstsein die menschliche Situation ausklammert, dann hebt sie ab, dann verliert sie die Bodenhaftung. Man muss immer gucken, was passiert da unten!

AF-N: Ist Leyla im Wunderland nur ein Arbeitstitel? Oder ist Deutschland ein Wunderland?

FZ: Ja. Es war tatsächlich das Wirtschaftswunderland, in das meine Eltern aufgebrochen sind: Vater Lederarbeiter, Mutter Putzfrau. Sie haben mir immer wieder die Grundlage angesagt: “Spuck nicht in den Napf, aus dem Du isst! Mach mir die Deutschen nicht schlecht, Du Arschloch!” Und ich habe gedacht “Stimmt! Das ist ein schönes Land! Das ist großartig hier!” Was wäre denn aus mir geworden, wenn ich nicht hierher gekommen wäre? Muslimischer Bauer, oder was? Tolle Karriere! Wieso soll man auch nicht sagen “Deutschland, meine Chance”? Ist das emotional? Ja! Und da sind wir an einem entscheidenden Punkt: Gefühle spielen eine große Rolle. Wir dürfen nicht ausbrennen, wir müssen eine lange Puste haben. Ich darf nicht von mir auf Andere schließen – das tue ich auch nicht. Ich habe die Bodenhaftung nicht verloren. Also, ich kann das Eine vom Anderen auseinanderhalten. Ich habe beste Laune. Aber die Lust ist sehr wichtig. Auch das Rebellische. Mittlerweile ist ja jede CDU-Nase ein Rebell. Ich rechne stündlich mit dem Coming-Out von Frau Merkel, dass die sagt “Oh, ich habe früher auch eine Motorradjacke getragen und bin da durch die Gegend geflitzt.” Das meine ich nicht damit. Was ich damit meine, ist: Das hat einen guten Duft, wenn man aufbegehrt. Später wird man in den Spiegel schauen: Du hast zwar den Bullenknüppel immer wieder gespürt, aber du warst da draußen und hast dies und jenes gemacht. Vielleicht war das nicht so erfolgreich, aber Mann, das ist doch aufregend! Die Spießer, die kommen aus der rechten Ecke. Das, das kotzt sie an! Und daran hat sich nichts geändert. Aber sie haben auch mehr Erfolg. Und: Ich scheiß auf ihre Villen! Mein Gott. Amen.

[1] So der Titel seines viel beachteten Debüts: Kanak Sprak: 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft, Hamburg (Rotbuch) 1995.
[2] Feridun Zaimoglu: Abschaum. Die wahre Geschichte von Ertan Ongun, Hamburg (Rotbuch) 1997.
[3] Gemeint ist der Artikel “Mein Deutschland” in: Die Zeit, Nr. 16, 12.04.2006, S. 1 von Feridun Zaimoglu.
[4] Die Rütli-Schule ist eine Hauptschule in Berlin-Neukölln. Weil sie die Gewalt an ihrer Schule nicht mehr in den Griff bekam, schickte die Rektorin der Schule einen dramatischen Hilferuf an den Berliner Senat. Dies führte zu einer Debatte über das Schulsystem in Deutschland, die Gewalt an Schulen und die Integration von Immigrantenkindern.

QUELLE

Fathollah-Nejad, Ali (2007) “»Man muss mit den Hüften schwingen!« – Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoğlu”, Eurozine, 16. November.

 

QUOTED IN:

60 Jahre Nakba: Von ethnischer Säuberung zur Dekolonisierung?

 

Im Februar fand an der Londoner »School of Oriental and African Studies« (SOAS) die wohl seit Jahren hochkarätigste internationale wissenschaftliche Tagung zum Nahostkonflikt statt. Unter dem Titel „Die ‚Nakba‘: Sechzig Jahre Enteignung, sechzig Jahre Widerstand“ diskutierten auf Einladung des »London Middle East Institute« über zwei Tage lang führende Wissenschaftler über so diverse Themen, wie die oftmals wenig beachtete palästinensische Geschichtserfahrung und Leidensgeschichte, die Geschichtsschreibung Palästinas und des Konfliktes mit Israel, sowie Facetten und Aussichten des nationalen Widerstands gegen die israelische Besatzung. Ebenso zur Sprache kamen der einen Monat zurückliegende israelische Waffengang in Gaza und Möglichkeiten und Wege einer gerechten Lösung des nun über sechs Dekaden schwelenden Konfliktes, dessen Beilegung allerorten als zentral für eine Befriedungsdynamik in der gesamten Region des sog. Nahen und Mittleren Ostens erachtet wird. [pdf]

QUELLE

Ali Fathollah-Nejad (2009) “60 Jahre Nakba: Von ethnischer Säuberung zur Dekolonisierung?”, inamo: Berichte und Analysen zu Politik und Gesellschaft des Nahen und Mittleren Ostens, Berlin: Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten (inamo), Jg. 15, Nr. 58 (Sommer 2009), S. 56–60.

Das inamo-Heft Nr. 58 mit dem Schwerpunkt “Sudan” kann hier bestellt werden.

inamo58

Strategen uneins

jW

Analyse. Gut vier Wochen vor den iranischen Präsidentschaftswahlen entwickeln die Berater der US-Regierung unterschiedliche Varianten für den weiteren Umgang mit dem ­geostrategisch wichtigen Land

Die University of Pennsylvania hat ein Ranking der führenden US-Denkfabriken erarbeitet. Auf den ersten drei Plätzen stehen die Brookings Institution, der Council on Foreign Relations (CFR) und schließlich die Carnegie Endowment for International Peace.1 Diese Think-tanks befassen sich mit der Frage, wie US-Interessen im Nahen und Mittleren Ostens am erfolgreichsten sicherzustellen sind, wobei dem Iran aktuell eine zentrale Aufmerksamkeit zukommt. Indessen unterscheiden sich ihre Sichtweisen merklich von jenen der Falken und Neokonservativen (siehe jW-Thema vom 16.3.2009) aufgrund ihres »realistischeren« Gehalts.

Schläge oder Koexistenz?

Ende 2008 veröffentlichten die Brookings Institution und der CFR einen Bericht mit Empfehlungen zur Nah- und Mittelostpolitik des neuen US-Präsidenten Barack Obama unter dem Titel »Restoring the Balance« (Wiederherstellung des Gleichgewichts). Das dieser Publikation zugrunde liegende Forschungsprojekt wurde von Brookings’ »Saban Center for Middle East Policy« geführt, das von Martin Indyk, dem Mitbegründer des Israel-Lobby-Think-tanks »Washington Institute for Near East Policy« (WINEP), geleitet wird. Mit dem Iran beschäftigen sich Suzanne Maloney und Ray Takeyh, die einen »Pfad zur Koexistenz« skizzieren und zur raschen Annäherung noch vor dem Wahlkampf zu den iranischen Präsidentschaftswahlen am 12. Juni 2009 aufrufen: Washington müsse den iranischen Staat eher als einen einheitlichen Akteur wahrnehmen als den Versuch zu unternehmen, verschiedene Fraktionen gegeneinander auszuspielen. Beide betonen: »Die Obama-Administration mag versucht sein, den einfachen Weg zu gehen, indem sie lediglich neue Rhetorik und bescheidene Verfeinerungen (modest refinements) des Zuckerbrot-und-Peitsche-Ansatzes anbietet, der ihre fünf Vorgänger scheitern ließ. Dies wäre ein Fehler.« Verhandlungen müßten auf mehreren, jedoch miteinander nicht verzweigten Ebenen geführt werden. Auf unteren Ebenen müßten diplomatische Beziehungen normalisiert werden mit dem Zweck, sich mit den innenpolitischen Dynamiken des Iran vertraut zu machen. Ferner müsse man in Washington verstehen, daß sich der Aufbau einer Beziehung zum Iran langwierig und mühselig gestalten und vom iranischen sowie regionalen Kontext abhängen werde. Daher müsse die US-Administration bereit sein, jede sich eröffnende Chance zu nutzen, aufkommende Krisen zu bewältigen und mit Sorgfalt durch die inneramerikanische Debatte sowie durch die Interessen und Befürchtungen ihrer Bündnispartner zu steuern. Ein neuer Beziehungsrahmen könne Teheran die Vorteile gegenüber seines bis dato praktizierten »Radikalismus« aufzeigen.

In einem weiteren Beitrag beschäftigen sich Gary Samore, oberster Berater des Präsidenten in Fragen zur Verbreitung nuklearer Waffen, und Bruce Riedel, der für Obama die Afghanistan- und Pakistan-Politik der USA prüft, mit den Aussichten eines über Atomwaffen verfügenden Iran. Zwar sei eine solche Möglichkeit nicht wünschenswert, doch würde Teheran eine Zurückhaltung praktizieren, so daß es z.B. unwahrscheinlich sei, daß Nuklearwaffen an Terroristen weitergegeben würden. Somit würde Iran sich wie andere Atommächte verhalten und dem gleichen Abschreckungssystem unterworfen werden können.2

Indyk und CFR-Direktor Haass, die als sicherheitspolitische Stabsmitglieder in früheren US-Administrationen bereits eine unnachgiebige Haltung gegenüber dem Iran gezeigt hatten, verfaßten auf der Grundlage dieses Berichts einen Aufsatz für die einflußreiche CFR-Publikation Foreign Affairs zu einer »neuen US-Strategie im Nahen und Mittleren Osten«. Sie plädieren dafür, aufgrund einer angeblich »verbesserten Situation« im Irak, den Fokus auf den Iran zu richten, wo »die Uhr für ein gefährliches und destabilisierendes Atomprogramm läuft«. Falls es Obama nicht gelänge, in vorbedingungslosen Verhandlungen das Teheraner Programm zu bremsen, müßten schärfere Sanktionen auferlegt werden. Obgleich ein Präventivschlag eine »unattraktive Option« sei, müsse er als letzter Ausweg in Betracht kommen.3 Während die Unterschiede zum von Maloney und Takeyh vorgeschlagenen Weg frappierend sind, fallen Parallelen zu der von »liberalen Falken« und Neokonservativen propagierten »Kapitulation-oder-Krieg«-Logik auf. Am 22. April 2009 hatte Außenministerin Hillary Clinton in einer Anhörung im Repräsentantenhaus die Vorstellungen ihres Iran-Beraters Dennis Ross wiederholt, indem sie im Falle des Scheiterns der Verhandlungen möglichst »straffe und lähmende Sanktionen, so wie wir sie wollen«, in Aussicht stellte. In der Vergangenheit hatte sie bereits ihre Skepsis deutlich gemacht, daß eine diplomatische Lösung erreicht werden kann.

Bereits im Sommer 2004 wartete der CFR mit einem Papier zum Iran auf, das den Titel »Zeit für einen neuen Ansatz« trug. Die damalige Taskforce wurde von Zbigniew Brzezinski (außenpolitischer Berater) und vom heutigen Verteidigungsminister Robert Gates geleitet und zählte den Iran-Experten Takeyh und Exbotschafter William Luers zu ihren Mitgliedern. Sie forderten ein »limitiertes oder selektives Engagement« in Sachen Iran, vor allem, um »entscheidende US-Bedenken« zu adressieren.4 Überdies sei ein »Regime Change« weder eine Option noch ein Lösungsweg. Und in der Tat kristallisierte sich mit den Verhandlungen über den Irak dieser »neue Ansatz« in der zweiten Amtszeit von George W. Bush heraus.

»Produktives Engagement«

Bei der Carnegie Endowment sind der Iran-Experte Karim Sadjadpour und der Proliferationsfachmann George Perkovich für die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen in der Iran-Frage betraut. Während ersterer die Notwendigkeit für einen US-amerikanisch-iranischen Dialog zu Fragen der gesamten Region betont, konzentriert sich letzterer auf die Modalitäten dieser Verhandlungen.5 Falls der Iran sich weigere, die Urananreicherung vorübergehend zu suspendieren, müßten, so Perkovich, die Sanktionen beibehalten und, wenn möglich, forciert werden. Doch um den Anreicherungsstopp tatsächlich zu erwirken, sollte man die Kriegsdrohung vom Tisch nehmen, da sie ohnehin keine internationale Unterstützung fände. Falls Teheran jedoch ein begrenztes ziviles Atomprogramm zugestanden werden sollte, dann müsse es jedoch in angrenzenden Themen (Israel, Hisbollah usw.) »Vertrauen schaffen«. Falls der Iran dann einwilligen sollte, »sauber zu werden« – gemeint ist z.B., daß der Iran umfassenden Zugang zu seinen Atomanlagen für IAEA-Experten gewährt –, dann müsse auch die »internationale Gemeinschaft«, gemeint ist die westliche, zum ersten Mal die Garantie aussprechen, daß die dabei erworbenen Informationen nicht »gegen den Iran« verwendet werden – sprich, nicht westlichen oder israelischen Geheimdiensten zur Verfügung gestellt werden.6 Iranische Diplomaten weisen in informellen Gesprächen auf die Gefahr hin, so vor kurzem der Proliferationsexperte Andreas Persbo, daß größere Transparenz kontraproduktiv wirke, da man dadurch nichts anderes tue, als den »Drachen zu füttern«. Die Frage bleibt aber offen, wie Perkovichs sinnvoller Vorschlag in eine wasserdichte Garantie umgesetzt werden kann.

»Echte Diplomatie«

Im November 2008 wurde das erste Empfehlungspaket vorgelegt, das sich deutlich von den bisherigen unterscheidet. Das dafür extra ins Leben gerufene »American Foreign Policy Project« (AFPP) versammelt 21 mit dem Iran vertraute Wissenschaftler, Experten und Diplomaten, die mit acht »Mythen« zum Iran aufräumen: 1. daß der iranische Präsident die Entscheidungsgewalt in der Atomfrage innehätte; 2. daß das politische System der Islamischen Republik zerbrechlich und somit für einen Regime Change reif sei; 3. daß die Religiosität der iranischen Führung diese gegen Abschreckung immunisiere; 4. daß Irans politische Führung den USA unerbittlich gegenüberstünde; 5. daß der Iran erklärt hätte, Israel »von der Landkarte zu tilgen«; 6. daß eine von den USA geförderte »Demokratieförderung« dem Land wahre Demokratie zu bringen helfe; 7. daß der Iran eindeutig entschlossen sei, Atomwaffen zu entwickeln und 8. daß der Iran und die USA keine Basis für einen Dialog hätten.

Nachdem die über drei Jahrzehnte praktizierte Strategie Washingtons, den Iran zu bedrohen, zu isolieren und mit Sanktionen zu belegen, gescheitert sei, wird nun hervorgehoben, daß neben einer Zwangsstrategie (coercive strategy) und einem wenig Erfolg versprechenden militärischen Vorgehen eine weitere Option besteht, deren Erfolgsaussichten viel höher einzuschätzen sind. Es wird für ein »nachhaltiges Engagement« (sustained engagement) geworben, welches besser imstande sein würde, die »nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten zu stärken«. Dafür werden der US-Regierung fünf Schritte empfohlen: 1. Ruf nach einem Regimewechsel durch eine langfristige Strategie ersetzen; 2. Menschenrechte im Iran durch die Unterstützung anerkannter internationaler Bemühungen stärken; 3. dem Iran – und anderen Schlüsselstaaten – einen Platz am Tisch zuzugestehen, wenn es um die Zukunft Iraks, Afghanistans und der Region geht; 4. die Atomfrage im Kontext einer breiteren amerikanisch-iranischen Öffnung thematisieren und 5. als ehrlicher Makler dem arabisch-israelischen Friedensprozeß neues Leben einhauchen.

Das unter dem Vorsitz von Thomas Pickering (ehemaliger US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, in Rußland und Israel), James F. Dob­bins (Exsondergesandter für Afghanistan) und Gary G. Sick (Nahostexperte der Columbia University) stehende AFPP zieht richtige Schlüsse aus Washingtons Iran-Strategie der letzten Dekaden und bietet eine gangbare, zumal von einer nüchternen Lageeinschätzung ausgehende und in der Tat erfolgversprechende Strategie an. Jedoch fällt ein Element auf, der einen möglichen Erfolg der sonst skizzierten Vorangehensweise ernsthaft aufs Spiel setzen könnte: »Die Verhandlungsführer sollten den Atomgesprächen eine vernünftige (reasonable) Frist setzen und die Drohung härterer Sanktionen aufrechterhalten, falls Verhandlungen scheitern.«7

Auf Ausgleich bedacht

Botschafter a.D. Pickering, der Sicherheitsexperte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Jim Walsh und Botschafter a.D. William Luers legten im Februar 2009 ebenfalls einen Vorschlag zur Lösung des Konflikts vor.8 Noch im März 2008 schlugen die Autoren in einem gemeinsamen Aufsatz vor, das »Nuklearproblem« durch eine Multinationalisierung des iranischen Atomprogramms zu lösen.9 Auch in ihrem jüngsten Papier wird eine solche Internationalisierung in der Atomfrage angestrebt, jedoch ist der darin zur Sprache kommende Kontext weiter gefaßt. So halten sie zunächst fest, daß die für die »nationale Sicherheit« der USA wichtigen Themen wie atomare Aufrüstung, die Situation im Irak und in Afghanistan allesamt einen gemeinsamen Nenner hätten – und dies sei der Iran. Sie schlagen einen diese drei Elemente integrierenden Ansatz vor, der im Zuge gegenseitiger Vertrauensbildungsmaßnahmen und der Anerkennung gemeinsamer Interessen zum Durchbruch führen soll. Diese Strategie müsse jedoch im vorhinein mit den Vetomächten des UN-Sicherheitsrats, dem UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon und mit den Partnern in der Region beraten werden. Zusätzlich müsse eine neue Institution geschaffen werden, in dessen Rahmen unter Beteiligung der USA, des Iran, der UN-Sicherheitsratsmitglieder sowie der jeweiligen Nachbarstaaten Gespräche über den Irak und Afghanistan stattfinden könnten.

Diese große Diplomatieoffensive soll jedoch erst nach den iranischen Präsidentschaftswahlen erfolgen. Bis dahin könnte Obama sein Versprechen bekräftigen, zur Lösung von globalen Problemen Verhandlungen ohne Vorbedingungen zu führen, Washingtons in Artikel I des Algier-Abkommens von 1981 eingegangene Verpflichtung, sich weder politisch noch militärisch in innere Angelegenheiten des Iran einzumischen, beteuern sowie in Betracht ziehen, auf mittlerem Rang offizielle Kontakte mit Teheran zu knüpfen. Während der erste Punkt von Obama beherzigt wird, bleiben die anderen angesichts fortlaufender Geheimoperationen im Iran noch offen. Weiterhin heißt es im Papier recht zutreffend: Obgleich auch der Iran einen »aufsehenerregenden Fortschritt« bei seinem Nuklearprogramm gemacht hat, ist der Iran mit seinen bis dato 5000 Zentrifugen schwachangereicherten Urans noch einiges davon entfernt, den für den Bau einer Atombombe notwendigen Bestand angereicherten Urans herzustellen. Die Autoren kommen insgesamt zu dem Schluß: »Die USA können dem Iran Kosten auferlegen, aber sie können ihm nicht ihren Willen aufnötigen. Das Gleiche gilt für den Irak. Fortschritt setzt von beiden Seiten ein größeres Augenmerk auf Strategie als auf Taktik voraus.« Ihr Papier erntete Lob von dem Kovorsitzenden der »Iraq Study Group« Lee Hamilton, Zbigniew Brzezinski und in etwas eingeschränkter Form auch vom ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger. Die Autoren bringen es fertig, bei ihrem Ansinnen »nationale Interessen« der USA zu befördern und auch die legitimen Sicherheitsinteressen des Iran zu integrieren, wobei selbstverständlich die sich später herauskristallisierenden Einzelheiten einer genaueren Prüfung bedürfen.

Demokratie und Menschenrechte

Anfang Februar 2009 forderte die iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi bei einem »Carnegie«-Auftritt in der US-Hauptstadt einen vorbedingungslosen Dialog auf drei Ebenen: zwischen den Staatsoberhäuptern, den Parlamenten und den Zivilgesellschaften, um auch die Menschenrechtsfrage zu thematisieren. Sie drückte ihre Ablehnung gegen eine militärische Intervention, gegen deren Androhung und gegen jedwede wirtschaftliche Sanktionen aus. Somit widersprach sie hinsichtlich des letzteren den Vorstellungen des sie einladenden Think-tanks. All diese Maßnahmen, unterstrich sie, schadeten der Demokratie und den Menschenrechten im Iran. Diese Aspekte bekräftigte die Menschenrechtsanwältin auch einen Monat später vor dem Europäischen Parlament, während zeitgleich der US-Präsident das 1996 unter William Clinton auferlegte unilaterale Sanktionsregime gegen den Iran um ein weiteres Jahr verlängerte. Ende April wurde dem US-Kongreß ein Gesetzeszusatz zu diesem »Iran Sanctions Act« vorgelegt, wonach Wirtschaftssanktionen gegen die im Iran aktiven ausländischen Öl- und Schiffahrtsgesellschaften verschärft werden sollen. Wenige Tage nach der Äußerung der US-Außenministerin über »lähmende Sanktionen« wäre eine militärisch durchgesetzte Blockade eine wahrscheinliche Konsequenz des im Gesetz anvisierten Einfuhrembargos. Es wird erwartet, daß das Vorhaben, das laut den Initiatoren Obama mit einer »schärferen Peitsche« in den Verhandlungen mit Iran ausstatten soll, aufgrund breiter Unterstützung beider Parteien sowie seitens Regierungsbeamten in beiden Häusern des Kongresses rasch durchgebracht werden kann. Man wartet jedoch den Zeitpunkt des »Scheiterns« der Verhandlungen ab, um dieses von der Israel-Lobby AIPAC unterstützte »Damoklesschwert« zum Einsatz zu bringen, so ein Kongreßmitarbeiter gegenüber der Jerusalem Post.10

Somit vermischen sich gut vier Wochen vor den mit Spannung erwarteten iranischen Präsidentschaftswahlen eine Rhetorik der Entspannung mit der Verschärfung der US-Sanktionen gegen Iran in einer Zeit, in der in erster Linie von Gesprächen gesprochen wird, aber Kurskorrekturen substantieller Natur, wie sie von Opponenten des Falkenlagers vorgeschlagen werden, ausbleiben.

1 James G. McGann: The Global »Go-To Think Tanks«: The Leading Public Policy Research Organizations In The World, Philadelphia: Think Tanks and Civil Societies Program, University of Pennsylvania, 2008, www.foreignpolicy.com/files/2008_Global_Go_To_Think_Tank.pdf, S. 28 f.

2 Bruce Riedel, Gary Samore: Nuclear Proliferation in the Middle East, Kap. 4, in: Restoring the Balance: A Middle East Strategy for the Next President, Dez. 2008, www.brookings.edu/projects/saban-cfr/middle_east_strategy.aspx

3 Richard N. Haass, Martin Indyk: Beyond Iraq: A New U.S. Strategy for the Middle East, Foreign Affairs, Jan./Feb. 2009

4 Iran: Time for a New Approach, Report of an Independent Task Force Sponsored by the Council on Foreign Relations, Washington: CFR, Juli 2004, hier: S. vii

5 Vgl. George Perkovich: Iran Says »No« – Now What?, Policy Brief, Nr. 63, Washington: Carnegie Endowment for International Peace, Sep. 2008. Karim Sadjadpour: Iran – Is Productive Engagement Possible?, Policy Brief, Nr. 65, Washing­ton: Carnegie Endowment for International Peace, Okt. 2008

6 Zitiert nach Engagement with Iran: Steps for the Next U.S. President, Veranstaltung der Carnegie Endowment for International Peace, Washington, 16.10.2008

7 Joint Experts’ Statement on Iran, American Foreign Policy Project, Nov. 2008, americanforeignpolicy.org/files/experts_statement_on_iran.pdf

8 Luers/Thomas R. Pickering/Jim Walsh: How to Deal with Iran, New York Review of Books, 12.2.2009. Die beiden letztgenannten Autoren waren bereits am AFPP-Papier beteiligt.

9 Luers/Thomas R. Pickerung/Jim Walsh: A Solution for the US–Iran Nuclear Standoff, New York Review of Books, 12.2.2009. Besonders wichtig sind die Anmerkungen in diesem Text. Denn in ihnen ist formuliert, daß die angestrebten Eigentumsverhältnisse des auf iranischem Territorium sich befindlichen Atomprogramms kaum die Rechte des Iran unter dem Nuklearen Nicht-Verbreitungsvertrag sowie seine Souveränität respektieren würden.

10 Hillary Leila Krieger: AIPAC Set to Push Iran Legislation at Major Conference, Jerusalem Post, 1.5.2009.

QUELLE

Ali Fathollah-Nejad (2009) “Strategen uneins“, junge Welt (Berlin), Nr. 109, 12. Mai 2009, S. 10–11.

“I won’t be an Uncle Tom”: In conversation with Navid Kermani | “Den Onkel Tom, den spiele ich nicht!” Navid Kermani im Gespräch mit Ali Fathollah-Nejad

 

PRAISE

»truly interesting and excellent«  

(Dr. Moustafa Bayoumi, Brooklyn College, CUNY)

“I won’t be an Uncle Tom”

A conversation with Navid Kermani

“My real task is criticism, not justification. I have to choose: either I play my part and become a defender of Islam or multiculturalism – or indeed a denouncer of Islam, whatever role I get landed with. Or else I write my books, with a view to people still reading them in twenty years, fifty years, hoping that they won’t be too affected by debates that we will hopefully have forgotten all about in a couple of years.” Prominent German-Iranian author Navid Kermani speaks to Ali Fathollah-Nejad about Islam and Iran, European values, and why he won’t have anything to do with the Islam industry.
Ali Fathollah-Nejad: You say yourself that you prefer writing in German, but speaking Farsi! How come? 

Navid Kermani: I speak better German than Farsi, but when I hear the Persian language abroad, it feels more familiar to me. When my daughter was born, the first words I spoke to her – although I hadn’t thought about it before – were Farsi. Farsi was simply the first language that I heard, and that stays in the ear. 

AF-N: And you don’t think that has much to do with the sound of the language?

NK: Of course Farsi has a very pleasant sound, but I imagine the same is probably true of Finnish. It’s simply a matter of principle: bilingualism does not mean that both languages are identical, but rather that different languages cover different areas and in ideal circumstances broaden the horizon of one’s own language. In Germany we have got used to the idea that being monolingual is normal and that bilingualism is something akin to a disease. In the history of civilization it has actually been the custom to speak two languages – for example, one language for day-to-day business and a more elevated language for other occasions. Or people would live in a city where many languages were spoken, be that Azeri and Persian, or Czech and German. Many of the greatest German poets and writers were not German in the national sense. 

AF-N: In October 2005, you gave a speech[1] to commemorate the 50thanniversary of the reopening of the Burgtheater in Vienna. Influenced by your trip to Morocco, you talked about the blood-spattered frontiers that fence Europe in. Has Europe lost its humanist ideal? 

NK: No, I wouldn’t go that far; it does exist. Rather, we should ask whether Europe is also bringing its humanist ideal to bear against those who are not Europeans. After all its bloody experiences, the many victims and crimes, which are truly unbelievable and unique and which did not exist to such an extent in other cultures, Europe is today a continent that has achieved a state of comparatively tolerant and humanitarian coexistence. I am very happy to be in Europe. I also genuinely feel European, with everything that that entails: the European Enlightenment and the ideals of the French Revolution, and the fact that diversity is not only accepted, but appreciated and valued as something worthwhile in itself – as was also the case in the Ottoman Empire or under the Habsburgs. Europe was only capable of doing this after it had attempted to drive this diversity out by force. I fear that Europe is now in the process of losing this love for humanity once again; for one thing, through the way it deals with those who do not belong to Europe. Here Europe is betraying its ideals every single day, starting with foreign policy, where it is only – or almost only – material interests that count. This also has to do with people who want to come to Europe – here the border fences of Ceuta and Melilla are only one example among many – whom a German minister of the Interior then talks about as if they were a disease. One can always say that things are no better elsewhere. That may be some consolation, but I refuse to think like that. Actually, I can only measure Europe against what it wants to be. Europe was always a kind of utopia held out as an alternative to nationalistic pragmatists. This utopia has become reality. The summit meetings which take place between the European nations, the complete naturalness with which people deal with one another today, travel around or even argue with one another – all that could never have been foreseen fifty years ago. Europe is no longer just an empty word. When you look at what Europe used to be and how far it has come in these fifty years, and if you then think fifty years ahead, Europe could really become a good place.

AF-N: Historically there have been a great many critics who, for all their youthful love of Europe, have been sorely disappointed in retrospect. One example is the former president of the writers’ association PEN [Poets, Essayists and Novelists], Said. In 1992, Said, who was of Iranian origin, wrote a “letter to Europe”.[2] It begins with the story of a young Iranian living under the dictatorship of the Shah who longs for Europe and its liberal freedom, but as soon as he arrives is very disappointed in this Europe. Said writes: “He has become tired, because you, Europe, understand their [the dictators’] language better than ours. He is tired because you always want to be the victor, never a friend. Because you put day-to-day pragmatism above decency, above fraternity. Yet where there is no love, no understanding can grow either!” Frantz Fanon, one of the prophets of anti-colonialism, concludes: “Let us leave this Europe!” Is that the wrong conclusion? 

NK: I’m well aware of all that. There was a reason why I decided to give my speech to Europe on the 50th anniversary of the Burgtheater from the perspective of refugees. I deliberately went where Europe behaves most shabbily, where Europe is at its most brutal. And even as I write about how Europe is betraying its own ideals, I believe in those ideals. Otherwise none of this would matter. The greatest Europeans, those who believed in Europe most passionately, were the very ones who criticized Europe most fiercely; whereas those for whom Europe was not so important cultivate a more or less pragmatic relationship with the European project. Look at the national leaders of today – Angela Merkel, Tony Blair or Nicolas Sarkozy in France. For them, Europe is no more a part of their political identity than it was for the political generation after the war, whether leftwing or rightwing, right up until Kohl, Schröder, Mitterrand and Chirac. They still had a recollection of the war and grew up with the idea that Europe is something to be fought for. But for the current lot, Europe has become an economic community and, in my view, has lost something fundamental. 

For another thing: let us consider the affair of the refugees in North Africa. What is happening there is utterly brutal. And it is happening in the name and on behalf of the Europeans, even if it is to some extent Moroccan policemen who are bringing about this evil. But the reason they are so brutal is that they are put up to it by the Europeans – and there I cannot find many words to defend them. And also the way we deal with asylum-seekers, the way malicious language is used, to an extent, about foreigners and other cultures, and the way politicians even exploit that resentment in their election campaigns – for instance in Denmark, Austria or Holland – all that is hideous. And yet in spite of all that, taken as a whole, things are still better than they are in Iran. Of course the choice between Merkel and Schröder was very far from the ideals of the European Enlightenment, but at least it was a choice. It is only the things one prizes highly that one can also criticize passionately. 

AF-N: You say that the lovers of Europe have in the past also been bitter enemies of Europe. The political scientist Dieter Oberndörfer[3] remarked of the “ethos test” which the CDU is attempting to put into practice: “Knowledge of the history and culture of Germany are no guarantee of a positive identification with Germany. Some outstanding experts in German history and culture were nevertheless bitter enemies of Germany.” What sort of concepts are hidden behind the national and European setting?

NK: Of course, the framework of the German nation state is a different one from the wider European context. I think we all know that. It is precisely the German nation state which is founded upon the unity of race, blood, religion and culture – and that includes the right of citizenship. The consequence of this is that a Russian who had a German mother four or five generations ago is more German than a Turkish immigrant whose family has lived in Germany for three or four generations and only speaks German. That means that you cannot becomeGerman, since Germany is not a community of values, but still a national and ethnic category.

Europe, by contrast, is a community of the will. Europe has never claimed to be a unity. It is not a question of smoothing out differences, but rather of retaining differences by neutralizing them politically. A community of the will means that it is one’s values, not one’s origin, that are shared. Values are things people can sign up to, or not. There are many Europeans who do not share the European values – fascists and rightwing radicals, for example. In this sense they are less European than a Turkish intellectual who is prepared to go to jail for those values. That means that Europe’s borders cannot be defined like national or linguistic borders, but that Europe is emphatically defined by values.

You can feel this fear, defensiveness and spirit of mistrust in the citizenship questionnaires that are to be introduced in Germany.[4] That of course conflicts completely with what Europe actually is – quite apart from the fact that such tests are completely abstruse and ridiculous anyway. The absurd thing about the whole debate is that the very people who most opposed the ’68 revolutionaries and what followed – such as gay marriage and the like – are the ones now making gay marriage into the generic concept of the European Enlightenment. I hope that people can continue to laugh about this state of affairs. But I fear that everything is going to become so serious that one loses the will to laugh. 

As much as I love Europe and think of myself as a European, I feel very suspicious. Everyone knows what happened in Europe sixty years ago. Srebrenica was only ten years ago – that was in Europe and took place before the eyes of the European Union. The European soldiers stood and watched as 7000 Muslims were massacred within the space of a few days. What Europe has achieved so far is as endangered as it is valuable. I don’t think the forces of liberalism in Germany are very strong – possibly because Germany does not have a long tradition of coexistence with other cultures, as England does for example. I still feel very at ease in my city and my surroundings. But I am afraid that all that could collapse. 

AF-N: You support the idea that Muslims should also study the Bible and the Torah. Why is that important? 

NK: I think that an Islamic religion has to develop its own structures even within Germany and Europe – ones different from those in an Anatolian village – and that the religious belief of today will change over the course of a few generations. It is important to have a modicum of knowledge of other people’s religious beliefs, especially when one lives alongside members of other religions. In any case, I take the view that one can only adequately understand religions, even one’s own, when one studies them in the context of their neighbouring traditions. No religion has ever come into being in isolation, but always through a process of exchange with other religions. If we do not understand the questions Islamic theology is attempting to answer, we will not understand the answers either. That’s why the study of religious traditions must not be delegated to the subject “dialogue with other cultures”, but is at the very core of an understanding of religion. The context of Islam is, above all, that of Judaism and Christianity, and the same goes for Christianity and Judaism too. 

AF-N: How is it possible, as a writer, to promote the cause of enlightenment at a time of apparently irreconcilable differences? 

NK: It’s probably impossible to talk much to those people, like terrorists for instance, who have drifted off completely. Dealing with them is a job for politicians and the security services. But we must try to stop more people following such individuals. If we adopt the cultural language with which such political conflicts are articulated, we will become part of the problem ourselves. Nor do I think that we will solve the Palestinian problem by means of a “dialogue of cultures”. Such a dialogue may constitute an element of a possible solution and be useful for a particular level of discussion; but this conflict is a territorial conflict, a national one. I don’t believe that we should discuss the question of nuclear weapons in Iran on a theological level either – that is a purely political issue. The same goes for the question of Muslim immigrants in Europe. 

This subject of “Islam”, who or what is that supposed to be? And who or what is the subject “West” supposed to be? We can already see what differences there are in the West alone, between, let us say, the America of George W. Bush and a Europe that has come out against the Iraq war. Who or what is meant by “Islam”? Do we mean Wahabism? And what about us? Do those of us who grew up here and see ourselves as Europeans belong to the West or to Islam? These concepts give rise to identities that are in practice very complicated. And we reinforce those concepts by accepting them. That means that people like us suddenly think of themselves primarily as Muslims, given that apparently we don’t belong to the West. Many end up radicalizing themselves as a result and are then nothing other than Muslim. The people who have crossed the line into terrorism were often remarkably well integrated. In fact they were completely Western, but there came a point when they realized that ultimately they did not really belong after all. They then constructed an Islamic identity for themselves that has nothing to do with the Islam of their mothers and fathers. 

In this respect I see my task as a writer as one of problematizing things – that is to say, breaking down fixed identities, describing contradictions and ambivalences, and not creating generic, superficial tags. For me, an Iranian intellectual who campaigns for democracy has much more in common with an English intellectual than with a farmer fifty kilometres outside Tehran – and not only in terms of his views, but also in terms of the culture he grew up with, the ideals he stands for and the kind of life he leads. That means that the divide does not simply run between the West and Islam, but right through the middle of Iran. The same is true in the West: I would say that someone like Susan Sontag had much less in common with an evangelical minister from the Bible Belt than she did with Orhan Pamuk. The only problem is that people base their political or military action on such caricatures. Osama bin Laden or the September 11 terrorists who attacked the World Trade Center – the symbol of the West – have a particular idea of the West and used acts of terrorism on the basis of that idea. Conversely, more and more Western politicians are operating on the basis that there exists one particular Islam which has to be tackled. And the moment these caricatures lead to political action, one has to take them seriously. And then it is no longer enough to say, “The reality is more complicated.” 

AF-N: The highlighting of complexities is therefore a major goal of yours as a writer. But at what point does frustration set in an environment partly characterized by very strong concepts of the enemy, by simplifications and cultural stereotypes? Or is an intellectual tireless in his engagement? 

NK: I’m utterly frustrated on this level. If I’ve been taking part in a debate, I often feel annoyed afterwards. It’s always these talk shows with the Muslim and the critic of Islam. I’ve noticed that I find it easier to get through them if I mostly ignore all that, rather than if I were to try to join in the discussion on the same level. “Islam is this, Islam is that!” – “But Islam isn’t like that at all!” I immediately find myself taking up a defensive attitude that I absolutely can’t stand: I mean, my real task is criticism, not justification. I have to choose: either I take these debates seriously, play my part and become a defender of Islam or multiculturalism – or indeed a denouncer of Islam, whatever role I get landed with. Or else – and this is much more important to me – I write my books, with a view to people still reading them in twenty years, fifty years, hoping that they won’t be too affected by debates that we will hopefully have forgotten all about in a couple of years. 

AF-N: Is that a frustrated retreat from public discourse? 

NK: I think of it more as a kind of asceticism, to help me concentrate on something. I much prefer doing a reading than taking part in a debate or a panel discussion. Besides, I’ve realized that I achieve a greater effect at a reading than I do with a two-minute speech on television. People go home with something that’s been sparked off in their heads. They go home and ask questions – and so a dialogue begins on a different level. My vocation consists much more in creating confusion or describing the way things are than in suggesting solutions. That is the real dialogue of a writer: his words have to ferment within the reader and take on a different form of reality. A reader who has been provoked by a book is a reader who reads on; and I think he then starts to take a more complex view of his life and his reality than before. As I writer I have to make a conscious decision to go with the words that stream into my head. I often have to cut myself off and ignore a lot of things. Whatever I do, I can’t react to everything. A sportsman who doesn’t pay attention to his body, to what he eats, is showing disregard for his job. I, as one who writes, have to pay attention to what I read. And if we’re talking about effect, I would rather give one big speech once a year than speak on as many occasions as possible. Though that is purely theoretical. In practice, of course, I still talk far too much and far too often. The inflation of one’s own words is terrible. I’ve still got to become a whole lot more ascetic! 

AF-N: You, along with your wife, the commentator and Islamicist Katajun Amirpur, both wrote very strongly worded letters to the editor-in-chief of the news magazine Der Spiegel in which you accused the publication, among other things, of being “editorially dishonourable”,[5] when the magazine published a special feature on the themes of Islam and integration. Do you still read Der Spiegel? 

NK: The Spiegel affair is irritating, since at least you know with rightwing publications where they’re coming from. When I still used to read it from time to time, it seemed to me far more dogmatic than, say, Die Welt, precisely because it comes from a leftwing background. And then if you actually know people at Der Spiegel as well, you realize that that is really how it works internally: the chief editors make the articles even stronger than they already are. In the Spiegel discourse, people like me just do not appear, whether as writers or intellectuals. As a Muslim, you only have a place in it if you’re attacking your own religion. But I won’t be an Uncle Tom. 
[1] “The enthusiastic Europeans are to be found where Europe is not taken for granted, in eastern Europe, in the Balkans or in Turkey, among Jews and Muslims. If you want to know how much the construct that we call the European Union is worth, you have to go to where it ceases to exist. How many of its brightest spirits has Europe lost because they stood before closed doors, because they had no valid identity papers, no visas, no foreign currency? How many Europeans only survived because sixty years ago they were allowed to cross over from Tarifa to Tangier? We have taken part in the destinies of countless European refugees through the media of literature, art and film. So why do we reflexively shout out words of hate when we encounter them from the other perspective: illegals, criminals, human traffickers, economic migrants, drugs flows, ‘no more room on the boat’?” (Extract from Navid Kermani, “After Europe – Speech on the 50thanniversary of the reopening of the Vienna Burgtheater”, ISBN 3-250-20006-9, Amman Verlag, January 2006)
[2] The reading “Letter to Europe”, broadcast by ORB [Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg], received the CIVIS Media Prize in the same year (1992). It can be heard on http://freieradios.net/portal/content.php?id=1160.
[3] Dieter Oberndörfer (born in Nuremberg in 1929) held the chair of Political Science at the University of Freiburg in Breisgau until he was granted emeritus status in 1997. He is considered to be one of the most important representatives of the Freiburg School of Political Science and an important psephologist and expert in foreign aid. See also Dieter Oberndörfer, “Die Rückkehr der Gastarbeiterpolitik” [“The Return of Gastarbeiter politics”] inBlätter für deutsche und internationale Politik [Journal of German and International Politics], vol. 6 (2005), 725-735.
[4] Foreigners in Germany wishing to be naturalized are to be tested by means of a wide-ranging questionnaire to determine whether they can receive German citizenship.
[5] “Of course decent Muslims exist, but they are the exception. At least that is what media outlets like Der Spiegel are suggesting.” Navid Kermani, “Hostile Takeover: Open Letter to the Editor”, in tageszeitung, No.7177, 9 October 2003, p.12. This commentary was written as a reaction to the cover story “Symbol of Intolerance” of the Spiegel cover topic “The Principle of the Headscarf” (volume 40, 29 September 2003). In a commentary on the same issue Katajun Amirpur, who along with her husband is considered one of Germany’s foremost Islamicists, spoke of “rabble-rousing of the cheapest kind and journalistic hate campaigning, combined with platitudes, untruths and clichés”; cf. Katajun Amirpur, The Clash with Der Spiegel, in Qantara.de, 2 October 2003.http://www.qantara.de/webcom/show_article.php?wc_c=469&wc_id=45.

SOURCE

Ali Fathollah-Nejad (2007) “»I won’t be an Uncle Tom«: A conversation with Navid Kermani“, Eurozine, 27 July.

* * *

 

“Den Onkel Tom, den spiele ich nicht!”

Ein Gespräch mit dem deutsch-iranischen Schriftsteller und Orientalisten Navid Kermani

Ali Fathollah-Nejad: Sie sagen von sich selbst, dass Sie es bevorzugen, auf Deutsch zu schreiben, jedoch lieber Persisch sprechen! Woher kommt das?

Navid Kermani: Ich spreche schon besser Deutsch als Persisch, aber wenn ich im Ausland die persische Sprache höre, ist sie mir vertrauter. Als meine Tochter zur Welt kam, waren die ersten Worte, die ich zu ihr sprach – ohne, dass ich vorher darüber nachgedacht hätte – Persisch. Persisch war einfach die erste Sprache, die ich gehört habe und das bleibt einem im Ohr.

AF-N: Und das hat nicht so sehr mit dem Klang der Sprache zu tun?

Natürlich hat das Persische einen sehr schönen Klang, aber ich glaube, beim Finnischen ist es wahrscheinlich genauso. Es ist einfach eine prinzipielle Sache: Zweisprachigkeit heißt nicht, dass beide Sprachen identisch sind, sondern dass verschiedene Sprachen verschiedene Bereiche abdecken und im Idealfall den Horizont der eigenen Sprache erweitern. In Deutschland haben wir uns angewöhnt zu denken, dass Einsprachigkeit normal und Zweisprachigkeit so etwas wie eine Krankheit sei. Kulturgeschichtlich ist Zweisprachigkeit eigentlich die Regel gewesen, zum Beispiel hat man eine Sprache für den täglichen Umgang und eine Hochsprache für andere Anlässe. Oder man lebt in einer Stadt, in der viele Sprachen gesprochen werden, ob das nun Aserisch und Persisch oder Tschechisch und Deutsch ist. Viele der größten deutschen Dichter und Schriftsteller waren keine Deutschen im nationalen Sinne.

AF-N: Unter dem Eindruck Ihrer Reise nach Marokko haben Sie im Oktober 2005 die Rede zum 50. Jahrestag der Wiedereröffnung des Wiener Burgtheaters gehalten.[1] Da haben Sie auch über die blutbeschmierten Grenzen gesprochen, die Europa umzäunen. Hat Europa sein humanistisches Ideal verloren?

Nein, das nicht; es ist ja da. Es stellt sich eher die Frage, ob Europa sein humanistisches Ideal auch gegenüber denjenigen zum Tragen kommen lässt, die nicht Europäer sind. Europa ist heute ein Kontinent, der es nach all den blutigen Erfahrungen, den vielen Opfern und Verbrechen, die ja wirklich unglaublich und einzigartig und in anderen Kulturen nicht in dieser Dichte vorhanden sind, zu einem vergleichsweise toleranten und humanistischen Miteinander gebracht hat. Ich bin sehr gern in Europa. Ich fühle mich auch wirklich als Europäer mit allem, was das bedeutet: der europäischen Aufklärung und den Idealen der Französischen Revolution, und der Tatsache, dass man die eigene Vielfalt nicht nur akzeptiert – das war im Osmanischen Reich oder unter den Habsburgern auch so –, sondern dass man sie als einen Wert an sich gutheißt und schätzt. Dazu war Europa erst fähig, nachdem es versucht hatte, die Vielfalt mit Gewalt auszutreiben. Ich befürchte, dass Europa gerade dabei ist, diesen (Menschen-)Schatz wieder zu verlieren; zum einen durch den Umgang mit denjenigen, die nicht zu Europa gehören. Hier verrät Europa tagtäglich seine Ideale. Das fängt mit der Außenpolitik an, wo nur oder fast nur materielle Interessen zählen. Und das hat auch mit denen zu tun, die nach Europa wollen – die Grenzzäune von Ceuta und Melilla[2] sind hier nur ein Beispiel unter vielen – und über die dann ein deutscher Innenminister wie über eine Krankheit spricht. Man kann immer sagen: Anderswo ist es auch nicht besser. Doch so kann ich nicht denken. Mit diesem Argument wäre sogar das Europa von Berlusconi immer noch besser als Saudi-Arabien. Das mag ein Trost sein. Aber eigentlich kann ich Europa nur daran messen, was es sein will. Europa war immer eine Art von Utopie, die nationalistischen Realpolitikern entgegengehalten wurde. Diese Utopie ist Wirklichkeit geworden. Die Gipfeltreffen, die zwischen den Ländern Europas stattfinden, die Selbstverständlichkeit, mit der man heute miteinander umgeht, umher reist oder sich auch streitet, war vor fünfzig Jahren überhaupt nicht abzusehen. Europa ist nicht mehr nur eine Worthülse. Wenn man sieht, was Europa war und wie weit es in diesen fünfzig Jahren gekommen ist, und wenn man dann fünfzig Jahre weiterdenkt, könnte Europa wirklich ein guter Ort werden.

AF-N: Es gab in der Geschichte sehr viele Kritiker, die von ihrer Jugendliebe Europa im Nachhinein sehr enttäuscht waren. Zu denen gehört auch beispielsweise der ehemalige iranisch-stämmige Präsident des deutschen Schriftstellerverbandes PEN, Said, der 1992 einen “Brief an Europa” verfasst hat.[3] Er fängt an mit der Geschichte eines jungen Iraners, der sich unter der Schah-Diktatur nach dem freiheitlichen Europa sehnt, aber sobald er hier ist, von diesem Europa sehr enttäuscht wird. Da schreibt Said: “Er ist müde geworden, weil Du, Europa, deren Sprache [die der Diktatoren] besser verstehst als unsere. Er ist müde geworden, weil Du immer Sieger, nie aber ein Freund sein willst. Weil Du die Tagesvernunft gegen den Anstand stellst und gegen Brüderlichkeit. Nur dort wo keine Liebe ist, wächst auch kein Verstehen!” Frantz Fanon, einer der Vordenker des Anti-Kolonialismus, schließt daraus: “Verlassen wir dieses Europa!” Ist das die falsche Schlussfolgerung?

Das ist mir ja alles bewusst. Ich habe mich nicht ohne Grund dazu entschieden, meine Rede zu Europa zum 50. Jahrestag des Burgtheaters aus der Perspektive der Flüchtlinge zu schreiben. Ich bin bewusst dort hingegangen, wo sich Europa am schmutzigsten verhält, wo Europa am brutalsten ist. Und gerade, indem ich schreibe, wie Europa seine Ideale verrät, glaube ich an diese Ideale. Sonst wäre ja alles egal. Die größten Europäer, die am emphatischsten an Europa glaubten, waren die, die Europa am schärfsten kritisiert haben. Während die, für die Europa nicht so wichtig war, einen mehr oder weniger pragmatischen Umgang mit dem europäischen Projekt pflegen. Sehen Sie sich die Staatsführer von heute an, Angela Merkel, Tony Blair oder Nicolas Sarkozy in Frankreich. Für sie ist Europa nicht mehr ein Teil ihrer politischen Identität wie für die Politikergeneration nach dem Krieg, ob links oder rechts, bis hin zu Kohl, Schröder, Mitterrand und Chirac. Diese hatten noch eine Erinnerung an den Krieg und sind damit aufgewachsen, dass man für Europa kämpft. Doch für die jetzigen wird Europa zu einer Wirtschaftsgemeinschaft und verliert, wie ich finde, etwas Wesentliches.

Zum anderen: Schauen wir uns die Geschichte mit den Flüchtlingen in Nordafrika an. Es ist absolut brutal, was da passiert. Und es passiert im Namen und im Auftrag der Europäer, selbst wenn es zum Teil marokkanische Polizisten sind, die das Übel anrichten. Aber sie sind so brutal, weil die Europäer sie dazu anstiften, da kann ich nicht viele Worte zur Verteidigung finden. Und auch der Umgang mit Asylanten, wie über Fremde und andere Kulturen zum Teil gehetzt wird und wie Politiker das Ressentiment auch im Wahlkampf nutzen, etwa in Dänemark, Österreich oder Holland – all das ist grässlich. Und trotzdem, alles zusammengenommen ist es noch besser als im Iran. Zwar war die Wahl zwischen Merkel und Schröder weit entfernt von den Idealen der europäischen Aufklärung, aber immerhin war es eine Wahl. Nur was man wertschätzt, kann man auch mit Leidenschaft kritisieren.

AF-N: Sie sagen, dass die Liebhaber Europas auch erbitterte Feinde Europas gewesen sind. Zu dem ’Gesinnungstest¹, den die CDU durchzusetzen versucht, hat der Politikwissenschaftler Dieter Oberndörfer[4] bemerkt: “Kenntnisse der Geschichte und Kultur Deutschlands verbürgen keine positive Identifikation mit Deutschland. Hervorragende Kenner der deutschen Geschichte und Kultur waren dennoch erbitterte Feinde Deutschlands.” Was für Konzepte verbergen sich hinter dem nationalen und europäischen Rahmen?

Natürlich ist der deutsche nationalstaatliche Rahmen ein anderer als der europäische Rahmen. Ich glaube, wir kennen das alle. Gerade das deutsche Nationalstaatskonzept beruht – und das geht bis zum Staatsbürgerschaftsrecht – auf der Einheit von Rasse, Blut, Religion und Kultur. Mit der Folge, dass ein Russe, der vor vier oder fünf Generationen eine deutsche Mutter hatte, deutscher ist als der türkischstämmige Migrant, der in der dritten oder vierten Generation in Deutschland lebt und nur Deutsch spricht. Das heißt, man kann kein Deutscher werden, denn Deutschland ist keine Wertegemeinschaft, sondern immer noch eine nationale, eine ethnische Kategorie.

Europa hingegen ist eine Willensgemeinschaft. Europa hat nie von sich selbst behauptet, eine Einheit zu sein. Es geht nicht um die Nivellierung von Unterschieden, sondern um die Aufgabe, Unterschiede zu bewahren, indem man sie politisch entschärft. Willensgemeinschaft heißt, dass Werte geteilt werden, nicht die Abstammung. Zu Werten kann man sich bekennen oder nicht. Es gibt viele Europäer, die sich nicht zu den europäischen Werten bekennen: Faschisten und Rechtsradikale etwa. In dem Sinne sind sie weniger Europäer als ein türkischer Intellektueller, der für diese Werte bereit ist ins Gefängnis zu gehen. Das heißt, Europas Grenzen kann man nicht definieren wie man eine nationale, sprachliche Grenze definieren kann, sondern Europa ist im emphatischen Sinne durch Werte gekennzeichnet. Bei den Fragebögen zur Staatsbürgerschaft, die in Deutschland eingeführt werden sollen, spürt man die Angst, die Abwehr und diesen Geist des Misstrauens.[5] Das steht natürlich völlig im Widerspruch zu dem, was Europa eigentlich ist. Ganz abgesehen davon, dass solche Tests auch vollkommen abstrus und lächerlich sind. Das Absurde an der ganzen Debatte ist, dass ausgerechnet diejenigen, die die 68er und ihre Folgen – wie die Homoehe und ähnliches – am allermeisten bekämpft haben, diejenigen sind, die gerade die Homoehe zum Oberbegriff europäischer Aufklärung machen. Ich hoffe, dass man auch weiterhin darüber lachen kann. Aber meine Befürchtung ist, dass alles noch so ernst wird, dass einem das Lachen vergeht.

So sehr ich Europa liebe und mich als Europäer verstehe, habe ich ein großes Misstrauen. Jeder weiß, was vor sechzig Jahren in Europa passiert ist. Srebrenica ist gerade mal zehn Jahre her. Und das war in Europa, fand vor den Augen der Europäischen Union statt. Die europäischen Soldaten sahen tatenlos zu, wie 7.000 Muslime innerhalb von wenigen Tagen massakriert worden sind. So wertvoll das ist, was Europa bislang erreicht hat, so gefährdet ist es. Ich glaube, dass die Kräfte der Liberalität in Deutschland nicht sehr stark sind – möglicherweise auch, weil Deutschland keine lange Tradition des Zusammenlebens mit anderen Kulturen hat wie etwa England. Noch fühle ich mich in meiner Stadt, meinem Umfeld wirklich wohl. Aber ich habe schon Angst, dass das einmal kippen könnte.

AF-N: Sie fordern, dass Muslime sich auch mit der Bibel und der Thora befassen sollten. Wieso ist das von Bedeutung?

Ich glaube, dass eine islamische Religion auch in Deutschland und Europa ihre eigenen Strukturen herausbilden muss, dass es andere sind als in einem anatolischen Dorf und dass die heutige Religiosität sich über Generationen hinweg verändern wird. Gerade dann, wenn man mit Angehörigen anderer Religionen zusammen lebt, ist es wichtig, ein Minimum an Kenntnis ihrer Religion zu haben. Ich glaube ohnehin, dass man Religionen – auch die eigene – nur angemessen verstehen kann, wenn man sie im Kontext ihrer Nachbartraditionen studiert. Keine Religion ist isoliert entstanden, sondern in der Auseinandersetzung mit anderen religiösen Traditionen. Wenn wir die Fragen nicht verstehen, auf die die islamische Theologie antwortet, dann werden wir die Antworten auch nicht verstehen können. Daher darf das Studium religiöser Traditionen nicht delegiert werden an das Fach “Dialog mit anderen Kulturen”, sondern es gehört zum Innersten eines religiösen Verständnisses. Der Kontext, in dem sich der Islam bewegt, ist eben vor allem das Judentum und das Christentum. Entsprechend wird das für das Christentum und das Judentum auch gelten.

AF-N: Wie kann man als Schriftsteller Aufklärung betreiben in einer Zeit der angeblich unvereinbaren Gegensätze?

Mit denen, die ganz abgedriftet sind, wie z.B. mit Terroristen, kann man wahrscheinlich nicht viel reden. Es ist Aufgabe der Politik und der Sicherheitsdienste, mit ihnen umzugehen. Man muss aber versuchen zu verhindern, dass mehr Menschen sich solchen Leuten anschließen. Wenn wir die kulturelle Sprache, mit der solche politischen Konflikte artikuliert werden, übernehmen, werden wir auch zu einem Teil des Problems. Ich glaube also nicht, dass wir das Palästinenser-Problem durch einen “Dialog der Kulturen” lösen werden. Ein solcher Dialog mag ein Bestandteil einer möglichen Lösung sein und für eine bestimmte Gesprächsebene gelten, aber es handelt sich hier um einen territorialen, um einen nationalen Konflikt. Ich glaube auch nicht, dass wir die Frage der Atomwaffen im Iran auf der Ebene der Theologie diskutieren sollten, das ist vielmehr eine Frage der Politik. Das Gleiche gilt für die Frage der muslimischen Migranten in Europa.

Dieses Subjekt “Islam”, wer oder was soll das sein? Und wer oder was soll das Subjekt “Westen” sein? Man sieht doch schon, welche Unterschiede es allein im Westen gibt, zwischen, sagen wir, dem Amerika von George W. Bush und einem Europa, das sich gegen den Irak-Krieg gewendet hat. Wer oder was soll “der Islam” sein? Ist damit der Wahhabismus gemeint? Und was ist mit uns? Gehören wir, die wir hier aufgewachsen sind und uns als Europäer verstehen, dem Westen an oder dem Islam? Diese Konzepte schaffen Identifikationen, die in der Realität sehr kompliziert sind. Indem wir diese Konzepte annehmen, verfestigen wir sie. Das heißt, Leute wie wir fühlen sich dann plötzlich primär als Muslime, denn zum Westen gehören wir ja scheinbar nicht. Manche radikalisieren sich daraufhin und sind dann nur noch Muslim. Die Leute, die in den Terrorismus abgeglitten sind, waren oft auffallend gut integriert. Sie waren eigentlich vollkommen westlich, haben aber irgendwann gemerkt, dass sie am Ende doch nicht wirklich dazu gehören. Sie haben dann für sich eine islamische Identität konstruiert, die mit dem Islam ihrer Mütter und Väter nichts zu tun hat.

Insofern sehe ich meine Aufgabe als Schriftsteller darin, Dinge zu verkomplizieren, also feste Identitäten aufzulösen, Widersprüche zu beschreiben, Ambivalenzen, und nicht Abziehbilder zu generieren. Für mich hat ein iranischer Intellektueller in Teheran, der für die Demokratie kämpft, viel mehr mit einem englischen Intellektuellen zu tun – und zwar nicht nur in Bezug auf seine Ansichten, sondern auch in Bezug auf die Kultur, mit der er aufgewachsen ist, die Ideale, die er vertritt, die Art des Lebens, das er führt –, als mit dem Bauer fünfzig Kilometer außerhalb von Teheran. Das heißt, die Schneise geht nicht zwischen dem Islam und dem Westen hindurch, sondern sie geht mitten durch den Iran. Und das Gleiche gilt auch im Westen: Ich würde sagen, dass eine Susan Sontag mit dem evangelikalen Pfarrer aus dem Bible Belt viel weniger zu tun hatte als mit Orhan Pamuk. Das Problem ist nur, dass Leute aufgrund von solchen Karikaturen politisch oder militärisch handeln. Osama bin Laden oder die Terroristen des 11. September, die das World Trade Center attackiert haben – das Symbol des Westens –, haben eine bestimmte Vorstellung des Westens und aufgrund dessen terroristisch gehandelt. Umgekehrt agieren immer mehr westliche Politiker aus der Vorstellung heraus, dass es den Islam gibt, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Und in dem Augenblick, in dem diese Karikaturen zu einer politischen Handlung führen, muss man sie ernst nehmen. Es reicht dann nicht mehr zu sagen: “Die Wirklichkeit ist komplizierter.”

AF-N: Komplexitäten aufzeigen ist also ein Ausweg, den Sie mit Ihrem Schriftstellerdasein bezwecken. Wann setzt jedoch in einer Umwelt, die zum Teil von sehr starken Feindbildern, von Simplifizierungen und Kulturalisierung bestimmt ist, Frustration ein? Ist das Engagement des Intellektuellen unerschöpflich?

Auf dieser Ebene bin ich total frustriert. Wenn ich an einer Debatte teilgenommen habe, bin ich hinterher oft erbittert. Immer diese Talkshows, in denen es den Islam-Kritiker gibt und den Muslim. Ich merke, dass ich das eher überleben kann, wenn ich es weit gehend ignoriere, und nicht, wenn ich versuchen würde, auf einer solchen Ebene mitzudiskutieren: “Der Islam ist dies und der Islam ist das!” – “Aber der Islam ist gar nicht so!” Ich komme sofort in eine apologetische Haltung, die mir zuwider ist. Meine eigentliche Aufgabe ist ja die Kritik und nicht die Rechtfertigung. Ich muss mich entscheiden: Entweder nehme ich solche Debatten ernst, bringe mich ein und werde zum Multikulti- oder Islam-Verteidiger – oder auch zum Islam-Ankläger, welche Rolle auch immer mir dann zugeschoben werden würde. Oder – was für mich viel wichtiger ist – ich schreibe meine Bücher, und zwar so, dass sie noch in zwanzig oder fünfzig Jahren gelesen werden können, das heißt, ohne dass sie allzu sehr von Debatten tangiert sind, die man hoffentlich in zwei Jahren wieder vergessen hat.

AF-N: Ist das ein frustrierter Rückzug aus dem öffentlichen Diskurs?

Es ist eher eine Askese, damit ich mich auf etwas konzentrieren kann. Ich mache viel lieber eine Lesung, als dass ich an einer Debatte oder Podiumsdiskussion teilnehme. Außerdem merke ich, dass ich bei einer Lesung eine größere Wirkung erziele als mit einem Zwei-Minuten-Statement im Fernsehen. Die Leute gehen nach Hause und bei ihnen ist etwas ausgelöst worden. Sie gehen mit Fragen nach Hause. Da entsteht ein Dialog auf einer anderen Ebene. Meine Aufgabe liegt vielmehr darin, Verwirrung zu stiften oder Wirklichkeiten zu beschreiben, als Lösungen vorzuschlagen. Das ist der eigentliche Dialog des Schriftstellers: seine Texte müssen im Leser weitergären und eine andere Art von Wirklichkeit annehmen. Der Leser, der von einem Buch angestiftet worden ist, liest weiter, und ich glaube, er sieht dann sein Leben, seine Wirklichkeit komplexer als vorher. Als Schriftsteller muss ich bewusst mit den Worten umgehen, die auf mich einströmen. Ich muss mich auch oft abschotten und manches ignorieren. Auf keinen Fall darf ich auf alles reagieren. Ein Sportler, der nicht auf seine Nahrung, seinen Körper achtet, missachtet seinen Beruf. Ich, als jemand der schreibt, muss darauf achten, was ich lese. Und, wenn wir schon von Wirkung sprechen: Lieber halte ich einmal im Jahr eine große Rede, wie die Rede im Wiener Burgtheater, als dass ich bei möglichst vielen Anlässen spreche. Wobei das jetzt reine Theorie ist. In der Praxis rede ich natürlich immer noch viel zu viel und viel zu oft. Die Inflation der eigenen Worte ist schrecklich. Ich muss noch viel asketischer werden.

AF-N: Ihre Frau, die Islamwissenschaftlerin und Publizistin Katajun Amirpur, und Sie haben beide sehr offensive Offene Briefe an den Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der Spiegel geschrieben und dem Blatt unter anderem vorgeworfen sich kein “anständiges Redigat” zu leisten[6], wenn Der Spiegelmit den Themen Integration und Islam aufmachte. Lesen Sie noch den Spiegel?

Beim Spiegel ist das ärgerlich, denn bei rechten Blättern weiß man ja, woher etwas kommt. Als ich ihn noch ab und zu gelesen habe, wirkte er auf mich, gerade weil er aus einem linken Milieu kommt, um Vieles dogmatischer als etwa Die Welt. Wenn man dann auch noch Leute im Spiegel kennt, dann weiß man, dass es intern wirklich so läuft: die Artikel werden von der Chefredaktion noch schärfer gemacht, als sie ohnehin schon sind. Im Spiegel-Diskurs tauchen Leute wie ich nicht auf, weder als Schriftsteller, noch als Intellektueller. Da hat man als Muslim nur Platz, wenn man seine eigene Religion anklagt. Aber den Onkel Tom spiele ich nicht.

 

[1] “Die enthusiastischsten Europäer findet man dort, wo Europa nicht selbstverständlich ist, in Osteuropa, auf dem Balkan oder in der Türkei, unter Juden und Muslimen. Wer wissen will, wie viel das Gebilde namens Europäische Union wert ist, muss dorthin fahren, wo es aufhört. Wie viele seiner klügsten Geister hat Europa verloren, weil sie vor verschlossenen Toren standen, weil sie keine gültigen Ausweispapiere vorzuweisen hatten, keine Visa, keine Devisen. Wie viele Europäer haben nur deshalb überlebt, weil sie vor sechzig Jahren von Tarifa nach Tanger übersetzen durften. Durch die Literatur, die Kunst, den Film haben wir teilgenommen an unzähligen europäischen Flüchtlingsschicksalen. Weshalb rufen wir dann reflexartig Schimpfwörter aus, wenn sie uns heute aus der anderen Perspektive begegnen: Illegale, Kriminelle, Menschenhändler, Wirtschaftsasyl, Drogenströme, Terrorismus, das Boot ist voll?” Auszug aus Navid Kermani, “Nach Europa – Rede zum 50. Jahrestag der Wiedereröffnung des Burgtheaters Wien”, ISBN 3-250-20006-9, Ammann Verlag, Januar 2006.
[2] Ceuta ist eine autonome spanische Exklave an der Mittelmeerküste Afrikas, nahe der Straße von Gibraltar. Wie Melilla gehört Ceuta politisch zu Spanien, geographisch jedoch zu Afrika. Sie ist eine 18,5 km2 große Halbinsel, die 21 km von der spanischen Küste entfernt ist. Die Stadt ist bekannt als Anlaufpunkt für illegale Immigration von Afrikanern in die Europäische Union.
[3] Die vom ORB ausgestrahlte Lesung “Brief an Europa” erhielt im selben Jahr den CIVIS-Medienpreis im Bereich Hörfunk. Zu hören unterhttp://freieradios.net/portal/content.php?id=1160.
[4] Dieter Oberndörfer (geb. 1929 in Nürnberg) hatte bis zu seiner Emeritierung 1997 den Lehrstuhl für Politikwissenschaft an der Universität Freiburg im Breisgau inne. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Freiburger Schule der Politikwissenschaft und als bedeutender Wahlforscher und Experte für Entwicklungshilfe. Siehe auch Oberdörfer, Dieter: “Die Rückkehr der Gastarbeiterpolitik”, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 6, (2005) S. 725-735.
[5] Mit einem umfassenden Fragebogen sollen einbürgerungswillige Ausländer in Deutschland geprüft werden, ob sie die bundesdeutsche Staatsbürgershaft erhalten können.
[6] “Natürlich gibt es anständige Muslime, nur sind sie die Ausnahme. Das zumindest suggerieren Medien wie etwa Der Spiegel.” Navid Kermani, “Feindliche Übernahme: Offener Brief an den Herausgeber”, in: taz, Nr. 7177 vom 9.10.2003, S. 12. Diese Glosse wurde als Reaktion auf die Titelstory “Symbol der Intoleranz” des Spiegel-Titelthemas “Das Prinzip Kopftuch” (Heft Nr. 40 vom 29.09.03) verfasst. In einem Kommentar zur selbigen Ausgabe merkte Katajun Amirpur an, die zusammen mit ihrem Mann zu Deutschlands führenden Islamwissenschaftlern gezählt wird: “Billigste Scharfmacherei, journalistische Hetze, kombiniert mit Plattitüden, Unwahrheiten und Klischees”; vgl. Amirpur, Katajun: Das Kreuz mit dem Spiegel. In: Qantara.de, 02.10.2003.http://www.qantara.de/webcom/show_article.php?wc_c=469&wc_id=45.

QUELLE

Ali Fathollah-Nejad (2007) “»Den Onkel Tom, den spiele ich nicht!«, Ein Gespräch mit dem deutsch-iranischen Schriftsteller und Orientalisten Navid Kermani”, Eurozine, 27. Juli.

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QUOTED IN:

Frauke Matthes (2008) “Negotiating and Marketing Muslim Identity for the West: Navid Kermani’s Kurzmitteilung“, Silvia Naish Post-Doctoral Fellow’s Lecture, IGRS (Unpublished), School of Advanced Study, University of London.

“Don’t blame the messenger for the message”? Wie die EU-Diplomatie den Weg für einen US-Angriff auf Iran ebnet

REAKTIONEN

»Sehr gut« (Andreas Zumach, UN-Korrespondent)

Im brisanten Sommer 2006, als die USA im israelischen Bombenhagel auf die zivilen Einrichtungen des Libanon die “Geburtswehen” der Neuordnung des Broader Middle East zu erhorchen glaubten und der “Atomstreit” zwischen dem Westen und Iran in eine unheilvolle Eskalationsspirale gelangt war, empfing man in Teheran hohen Besuch. Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer reiste in jene Hauptstadt, die nun als “Zentralbänker des internationalen Terrorismus” das Böse in der Welt in Gestalt einer islamo-faschistischen Nuklearbedrohung zu monopolisieren schien. Als einer der vormaligen Hauptfiguren des Verhandlungsprozesses zwischen den EU3 (Großbritannien, Frankreich und Deutschland) und Iran über das Atomprogramm des Letzteren, sprach Fischer am 1. August am Iranian Center for Strategic Research zum Stand und zur Zukunft europäisch-iranischer Beziehungen.[1] Der Tenor seiner Rede war: Entweder ihr Iraner realisiert die unmittelbare Gefahr, der ihr euch als nächster Station auf der US-amerikanischen ‚Regime-Change‘-Agenda gegenüberseht, und akzeptiert ohne Wenn und Aber das auf dem Tisch liegende Angebot der fünf Ständigen Sicherheitsratsmitglieder plus Deutschlands (P5+1)[2] oder aber der Anbruch einer großen Katastrophe wird nicht abzuwenden sein. Was dem angehenden Princeton-Gastprofessor jedoch ganz besonders am Herzen zu liegen schien, war die Betonung, dass die iranischen Zuhörer doch bitte den “Boten nicht die Schuld für die Botschaft” geben sollten (“[…] and, please, don’t blame the messenger for the message”). Kann jedoch der Eindruck, den Fischer von der europäischen Position als einer im Grunde genommen gutmütigen Verhandlungspartei erwecken wollte, der Analyse der europäischen Verhandlungsstrategie gegenüber Teheran Stand halten?

Diplomatie und Regime Change? All options are on the table!

Als in den Folgemonaten der angelsächsischen Invasion des Irak sich das Chaos der “Befreiung” abzeichnete, erhöhten die in Washington an die Schaltzentralen der Macht gelangten US-Neokonservativen den rhetorischen Druck auf Teheran und sprachen in immer kürzeren Abständen ganz unverblümt über ihr nächstes ‚Regime Change‘-Unterfangen. Angebliche Beweise über die militärische Ausrichtung des iranischen Nuklearprogramms, welche die Bush-Regierung aus dubiosen Zirkeln dankend aufnahm, dienten der aggressiv hervorgebrachten Bezichtigung, dass das Land durch sein Atomprogramm die gesamte internationale Sicherheit ernsthaft bedrohe. So wurde auf Restspuren von hochangereichertem Uran in einer iranischen Anlage hingewiesen, das – wenn im industriellen Maßstab hergestellt – die Entwicklung von Nuklearwaffen ermöglichen würde. Diese vom Weißen Haus gern emporgerichtete Speerspitze wurde jedoch alsbald entschärft. Denn die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) bestätigte die iranischen Beteuerungen hierzu, nach denen es sich um eine Kontamination von im Ausland erworbenen Geräten handele.[3] An der von langer Hand geplanten, in zahlreichen politischen und militärischen Strategiepapieren der US-Regierung sorgsam vorbereiteten, “militärischen Lösung” des geostrategischen Schwergewichts Iran in der fossilen Kernregion der Welt, deren Kontrolle die Amerikaner ihr nationales, vitales Interesse zu betrachten pflegen, änderte dies jedoch nichts. Prompt wurde auf die unheilvollen Folgen einer Appeasement-Politik gegenüber den zum islamistischen Hitler aufgebauschten iranischen Präsidenten Ahmadinedschad und seine in Nazijargon gepackten Äußerungen hingewiesen.[4] So konnten sich hochrangige israelische und amerikanische Politiker bei ihrer Angriffskriegs-Rhetorik gegen Iran als einzig vertrauenswürdige Möglichkeit die sturen Mullahs zurechtzuweisen, mit einem größeren Halt in den öffentlichen Meinungen rechnen.

Als jedoch der “Sumpf” (quagmire) der Irak-Besetzung den Gang nach Teheran zu erschweren schien, gab man in Washington bekannt, dass man das Problem des iranischen Atomgramms zunächst der Diplomatie übergeben wolle. Ein Schachzug, von dem man sich ein größeres europäisches Wohlwollen für die eigenen Pläne erhofft. Dennoch blieben die USA ihrem Konfrontationskurs gegenüber Teheran treu und verweigerten ihrerseits Gespräche zu führen. Zur selben Zeit sogar – im Frühjahr 2003 – ignorierten die US-Neokonservativen ein sich historisch anmutendes umfangreiches Verhandlungsangebot der iranischen Regierung – eine einmalige Gelegenheit, über die vor noch nicht allzu langer Zeit erst berichtet wurde. Darin zeigte sich Iran in allen für die USA relevanten Gebiete konzessionsbereit: vollkommene Transparenz in Sachen Massenvernichtungswaffen, Stabilisierung des Irak, Unterstützung beim Antiterror-Kampf, Einstellung der Unterstützung missliebiger Gruppen sowie Einwilligung der Zweistaatenlösung Israel-Palästina.[5] Um dennoch den Anschein zu wahren, dass man an einer diplomatischen Lösung interessiert sei, wurden nun die Diplomaten der EU3 losgesandt, um mit Teheran einen Deal auszuhandeln. In der Hoffnung einen US-Waffengang gegen Iran aus eigenen, v.a. wirtschaftlichen, Interessen abwehren zu können, gewiss aber auch, um diesmal den USA nicht allein das Feld zu überlassen, begaben sich die Europäer unter dem die Gesprächsatmosphäre nicht unbedingt dienlichen Washingtoner ‚All options are on the table‘-Formel nach Teheran.

Diplomatische Provokationen im Dienste der neokonservativen Eskalationsstrategie

Während die EU-Troika stets – wie auch Fischer in seiner o.g. Rede – beteuert, Iran das Recht auf die zivile Nutzung der Kernenergie gewähren zu wollen, wurde Teheran seit Anfang der Verhandlungen aufgefordert, die Anreicherung von Uran aufzugeben. Letztere, so die einhellige Meinung von Experten, befinde sich ausschließlich auf Forschungsniveau und ist als solche weit davon entfernt, waffenfähiges Uran herzustellen. Trotz der jüngsten iranischen Ankündigung Tausende von Zentrifugen in Betrieb nehmen zu wollen, darf als sicher gelten, dass Iran noch weit davon entfernt ist den nuklearen Brennstoffkreislauf zu schließen, geschweige denn die Bombe bauen zu können.[6]

Sowohl im Teheraner[7] (Oktober 2003) als auch Pariser Abkommen[8] (November 2004), den ersten beiden Absichtserklärungen zwischen beiden Parteien, hatte Iran jedoch eingewilligt, sein durch den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NVV) verbrieftes Recht auf die Entwicklung eines zivilen Atomprogrammes “freiwillig auszusetzen”. Zudem hatte man sich durchgerungen das NVV-Zusatzprotokoll, welches unangekündigte Inspektionen seitens der IAEO vorsieht, zu akzeptieren. All das sollte als “vertrauensbildende Maßnahme” zu verstehen sein, die für die Dauer eines für beide Parteien befriedigenden Verhandlungsprozesses über langfristige Arrangements Bestand haben solle.

Nun waren auch die Europäer gefragt, Iran im Gegenzug ein adäquates Angebot zu unterbreiten. In Teheran erwartete man derweil Abhilfe bzw. Unterstützung angesichts der äußeren Bedrohung des Landes. Allein 200.000 amerikanische und mit ihnen alliierte Truppen zählte man rund um das iranische Territorium herum. So erwartete man von Washingtons europäischen Bündnispartnern, welche sich ja vorwiegend gegen die Irak-Okkupation positioniert hatten, die regelrechte Einkreisung des Iran, wenn nicht aufzuheben, so doch wenigstens zu entschärfen. Zu dieser Zeit bescheinigte die IAEO dem Iran zudem volle Zusammenarbeit und keinerlei Anzeichen für ein militärisches Atomprogramm.[9] Insbesondere Letzteres sollte sich bis zum heutigen Tag nicht ändern.

Die EU3 kündigten an, dem 70-Millionen-Land ein äußerst attraktives Verhandlungspaket geschnürt zu haben, welche umfangreiche Kooperationen auf verschiedensten Gebieten beinhalte. Als schließlich das Angebot den Iran erreichte, reagierte die dortige dienstälteste Diplomatie der Welt in hohem Maße empört. Man sprach sogar von einem “Witz” und der “Beleidigung des iranischen Volkes”. War die Wortwahl nun als bewusst inszeniertes machtpolitisches Manöver zu verstehen, um eine auf innenpolitischen Terraingewinn ausgerichtete Blockadehaltung einzunehmen? Oder gab es handfeste Gründe für Teherans Empfinden in quasi-kolonialistische Gewässer geraten zu sein?

In der Tat wurden dem Iran umfangreiche ökonomische Kooperationen in Aussicht gestellt, was jedoch angesichts der enormen Attraktivität des dortigen Marktes für die europäische Wirtschaft kaum verwundern mag. Da zudem viele solcher Vorhaben zumindest bereits in Planung waren, konnte man in Teheran wohl zu recht kein wesentliches Entgegenkommen oder gar Zugeständnis erkennen. Die zentrale Frage nach dem iranischen Sicherheitsdilemma, über die sich auch die Europäer völlig im Klaren gewesen sein dürften, wurde indes vollkommen ignoriert. Vor dem Hintergrund der Afghanistan- und Irak-Okkupationen konnte die harsche “Demagogie” (Z. Brzezinski)[10] aus Washington und zunehmend auch aus Tel Aviv wohl kaum als folgenlos abgetan werden. Stattdessen las man in Teheran den eher abstrus anmutenden europäischen Eid, dass weder die französischen noch britischen Atomwaffen gegen Iran gerichtet seien. Dabei war allen klar, worum es im Kern ging: Amerikanische Sicherheitsgarantien gegenüber Iran waren dringend geboten. Teherans Ablehnung war also durchaus vorauszusehen.

So begann man im Iran, enttäuscht über den unbefriedigenden Verhandlungsverlauf, vereinzelt damit, Anreicherungsaktivitäten wieder aufzunehmen. Dieser Akt, der vollständig durch die zuvor abgeschlossenen Abkommen gedeckt war, wurde jedoch in Europa unverzüglich als iranischer Vertragsbruch denunziert. In der europäischen Politik, Medien und auch breiten Öffentlichkeit schob man das vorläufige Scheitern der Verhandlungen dem Iran in die Schuhe. Den Eingeweihten aber schien durchaus bewusst, woran es tatsächlich gemangelt hatte. In Deutschland riefen dementsprechend der CDU-Politiker Ruprecht Polenz (Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages) und der Nah- und Mittelost-Experte Volker Perthes (Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik) dazu auf, mehr Zuckerbrot zu offerieren. Realisiert hatte man auch, dass ohne Washingtons Verhandlungsinput die Diplomatie zum Scheitern verurteilt war.[11] Wie die Nachrichtenagentur Reuters Ende Juli 2005 einen EU-Diplomaten zitierte, war das auf dem Tisch liegende Angebot an den Iran ein “in viel Geschenkpapier gehülltes recht leeres Paket”. Daran änderte sich auch in den darauf folgenden Monaten nichts. So blieb der Verhandlungsprozess in der Sackgasse; eine vorzügliche Ausgangssituation für das neokonservative Eskalationsszenario.

Die Amerikanisierung der europäischen Diplomatie

Die Europäer indes hatten sich immer mehr der amerikanischen Haltung angenähert, indem auch sie nun forderten, dass der Iran seine Urananreicherungsaktivitäten vollständig aufgeben müsse, um überhaupt an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Zudem übernahm man die amerikanische Überzeugung, dass der UN-Sicherheitsrat sich des Falles Iran in Form von Sanktionen annehmen müsse. Auch die Gewissheit, dass ‚alle Optionen auf dem Tisch‘ belassen werden müssten, um der Diplomatie mehr Nachdruck zu verleihen, hatte man derweil trotz verbaler Ablehnung einer ‚militärischen Lösung‘ bereitwillig inkorporiert.

Im Rahmen der westlichen Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie war für dessen zweiten Teil ohnehin in Washington zur Genüge gesorgt.[12] Dort suchte man nach Wegen, den Konflikt angesichts der ins Stocken geratenen Diplomatie weiter zuzuspitzen.[13] Nachdem das transatlantische Bündnis noch im Januar 2006 einem verschwiegenen Angebot seitens des Iran, das u.a. eine mindestens zweijährige Suspendierung des Atomprogramms im Austausch für die Sicherheitsthematik berücksichtigende Gespräche, keine Beachtung schenkte,[14] klinkten sich die USA plötzlich doch in den diplomatischen Prozess ein. Gemeinsam mit Russland und China, die bislang jegliche Verschärfung des Konflikts abgelehnt hatten, sowie den EU3, legte man nun dem Iran das alte Angebot in einem neuen ‚internationalen‘ Gewand vor und erhöhte somit den Druck auf Teheran sich endlich den Forderungen zu beugen. Während Teheran Gesprächsbereitschaft signalisierte, es jedoch weiterhin ablehnte mit dem Einfrieren seines mittlerweile wieder aufgenommenen Atomforschungsprogrammes in Vorleistung zu treten, erhöhte Washington weiter den Druck auf Teheran. Das lang ersehnte Ziel, Irans Atomakte bei der IAEO an den UN-Sicherheitsrat zu übergeben, war Anfang Februar 2006 durch immensen “politischen Druck”[15] der Amerikaner erreicht worden, sodass der Weg für Sanktionen bereitet war.[16]

Im Frühjahr 2006 war die Arroganz der einzig verbliebenen Supermacht unverkennbar. Das an Hypokrisie nicht zu überbietende, das internationale Recht ignorierende, Nuklear-Abkommen zwischen Washington und Neu-Delhi war ein weiterer gewichtiger Beweis amerikanischer Doppelstandards. Zudem markierte die Neuausgabe der amerikanischen Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) Iran klar und deutlich als nächstes Ziel,[17] derweil Washington 75 Mio. US-Dollar zur Verfügung stellte, um die ‚Demokratie im Iran zu fördern‘.[18] Bei einer Senatsanhörung kündigte Außenministerin Rice unterdessen an: “Wir sehen uns wohl keiner größeren Herausforderung seitens eines einzigen Landes gegenüber als dem Iran.” Somit öffnete sie ganz im Sinne der neu aufgelegten NSS Tür und Tor für die Anwendung eines Präventivschlages gegen Iran, für den auch nukleare Optionen offen angedacht werden.[19]

In solch einer heißen Phase regierte derweil ein unsägliches Schweigen in den Hauptstädten Europas. Dort war man damit beschäftigt einen Sanktionstext zur Vorlage für den UN-Sicherheitsrat zu entwerfen. Am Vortag der Teheraner Fischer-Rede war es dann auch soweit: Am 31. Juli 2006 wurde Iran mit der Resolution 1696[20] aufgefordert innerhalb eines Monats all seine Nukleartätigkeiten einzustellen. Ganz im Sinne der Eskalationslogik war diese Forderung unter den gegebenen Umständen kaum dafür geeignet, den in eine absehbare Sackgasse gelangten Verhandlungsprozess neu zu beleben. Ganz im Gegenteil sollte ein erster Grundstein für eine gezielt betriebene Eskalationsdynamik gelegt werden – vollkommen den Vorgaben der neokonservativen Drehbücher entsprechend.

Wenn der europäische Bote zum amerikanischen Botschafter wird

Auf den Tag genau ein Jahr nach der Amtseinführung des neuen iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, sprach Fischer vor Experten der iranischen Außen- und Sicherheitspolitik in Teheran. Zu Anfang seiner Rede betonte er nicht ganz unmissverständlich, dass er zwar nicht in “offizieller Funktion” auftrete, aber dennoch als jemand, der am EU3-Iran-Verhandlungsprozess aktiv beteiligt war. Er stellte klar, dass Teheran nicht gut beraten sei, das ihm angebotene Vorschlagspaket abzulehnen.[21] Während Fischer im Falle iranischer Zustimmung die Normalisierung der Beziehungen in Aussicht stellte, machte er nun sehr deutlich, was das Land zu erwarten habe, würde seine Wahl sich nicht mit den westlichen Wünschen decken: “Eine Ablehnung des gegenwärtigen Angebots wird zu einer Eskalation des Konflikts führen […].” Obgleich die Großmächte bezüglich der Frage eines Irak-Krieges gespalten waren, würde die Frage nach “Irans nuklearen Ambitionen die internationale Gemeinschaft vollkommen einen”.

So resümierte einer der führenden transatlantischen Außenpolitiker das Hauptaugenmerk seiner Iran-Reise wie folgt: “Wir befinden uns am Scheideweg, und die Führung des Iran muss eine Entscheidung treffen, vielleicht eine von historischen Ausmaßen. Kooperation oder Konfrontation sind die Alternativen, und, bitte, geben Sie dem Boten nicht die Schuld für die Botschaft. Es liegt ein Angebot auf dem Tisch, das nicht ausgeschlagen werden darf”. Er hoffe, dass der Iran die “Gelegenheit für gemeinsamen Fortschritt in unseren Beziehungen und für Frieden” ergreife. In diesem Sinne stellte er die Entwicklung eines regionalen Sicherheitssystems in Aussicht, das Länder des Mittleren Ostens umfassen solle. Ein politisches Projekt von höchster Bedeutsamkeit, das jedoch bislang über Lippenbekenntnisse nicht herauskam.

Ein Iran-Krieg ist zum Greifen nahe

Fischer betonte zugleich, dass man es nicht mit einem “Streit über Rechte, sondern über Vertrauen” zu tun habe. Ob jedoch die iranische Seite den ausländischen Großmächten nun angesichts der ‚Friss-oder-stirb‘-Option mehr Vertrauen entgegenbringen kann, ist mehr als fraglich. Genau dieser Vertrauensverlust, insbesondere der europäischen Verhandlungspartner, scheint sich als gravierend herauszustellen. Der aktive europäische Beitrag an der Verhängung von zwei weiteren Sanktionen (Resolution 1737 vom 23. Dezember 2006 sowie Resolution 1747 vom 24. März 2007) hat das Vertrauen in die Diplomatie des Alten Kontinents, welche für sich beansprucht eine friedliche Lösung des Konfliktes anzustreben, erheblich unterminiert.

Indes befindet man sich schon längst in einem Krieg. Im September 2006 erklärte der pensionierte US-Luftwaffenoberst Sam Gardiner gegenüber CNN, dass sein Land seit mindestens 18 Monaten militärische Operationen im Iran durchführe.[22] In der Region des Persischen Golfs befinden sich bereits drei große US-Kampfverbände.[23] Solch ein groß angelegter Aufmarsch war zuletzt am Vorabend der Irak-Invasion aufgeboten worden. Es liegt nun in erster Linie an dem inneramerikanischen Kampf zwischen den an der Macht stehenden neokonservativen Kriegsbefürworter und jenen sog. Realisten, welche in einem Iran-Krieg den Vorboten für das Ende der weltweiten amerikanischen Vorherrschaft sehen.[24]

Ein klares Nein aus den restlichen Hauptstädten könnte aber auch ein erhebliches politisches Hindernis für einen geplanten Nuklearangriff auf Iran darstellen. Während einiges dafür sprich, dass sich Moskau insgeheim strategische Vorteile in der zu erwartenden aufreibenden Konfrontation zwischen Iran und den USA verspricht, ist von der Bundeskanzlerin wohl kaum eine Distanzierung gegenüber ihren amerikanischen Freunden zu erwarten.[25] Jenseits des Rheins zeichnet sich indes wohl ein deutlicher pro-atlantischer Kurs ab. Der neue französische Präsident Nicolas Sarkozy, dessen “niederschmetternder Sieg” (L’éclatante victoire)[26] laut Le Monde-Autor Laurent Greilsammer zentral in dem Werben für einen “französischen Traum” (rêve français) zu verstehen ist, erhält seine besondere Segnung dadurch, dass der erste Glückwunsch entgegen der sonstigen politischen Praxis persönlich von US-Präsident Bush erfolgte. Am gleichen Wahlabend noch richtet Sarkozy, just nachdem er ein zweideutiges Bekenntnis zu Europa äußert, einen “Appel an unsere amerikanischen Freunde, die wissen sollen, dass sie auf unsere Freundschaft zählen können (Jubel!), welche sich in den Tragödien der Geschichte geschmiedet hat, denen wir gemeinsam gegenüberstanden. Ich will ihnen sagen, dass Frankreich immer an ihrer Seite stehen wird, wann immer sie es brauchen. Ich will ihnen auch sagen, dass Freundschaft auch bedeutet, dass man akzeptiert, dass seine Freunde anders denken (Jubel!).” Inwieweit der in den USA als Neokonservativer Gefeierte, seinen amerikanischen “Freunden” den Vorzug gegenüber den europäischen “Partnern” erteilt, bleibt abzuwarten. Allerdings ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass der mit Bush so vertraute Sarkozy sich eines Krieges gegen Iran entgegenstemmen würde. Während in Berlin ganze 72% der Exil-Franzosen für die sozialistische Kontrahentin Ségolène Royal gestimmt haben,[27] hegt die dort regierende Kanzlerin unbeirrt Sympathie für den Pariser Wahlausgang. Eine Entamerikanisierung der europäischen Diplomatie ist also nicht abzusehen.

Nichtsdestotrotz sollten die Europäer die folgende Bemerkung Fischers in Bezug auf weitere diplomatische Schritte beherzt aufnehmen, um eine globale Katastrophe, die ein Iran-Krieg unweigerlich heraufbeschwören würde,[28] noch abzuwehren: “Für Iran war der Mangel an Respekt und Anerkennung gegenüber seiner Unabhängigkeit, seiner sehr alten Zivilisation, seines strategischen Potentials sowie das Talent und die Fähigkeiten seines Volkes während seiner ganzen modernen Geschichte besonders demütigend und gewiss kränkend.”[29] Weder Fischer noch die EU3 können angesichts der von ihnen mitverantworteten Eskalationsdiplomatie ihre Hände in Unschuld waschen. Als Ergebnis dessen gilt nach wie vor, was der UNO-Korrespondent Andreas Zumach Ende Februar 2007 anlässlich der Beendigung der US-Militärvorbereitungen für einen Iran-Krieg diagnostizierte: “Der Krieg könnte morgen früh um fünf beginnen, und wir erfuhren davon um 6 Uhr aus den Nachrichten.”[30]

Anmerkungen

[1] Alle Zitate sind, in eigener Übersetzung, in der Folge dem englischsprachigen Abdruck der Rede entnommen; siehe Joschka Fischer: Iran: High Stakes, Dissent Magazine, Winter 2007,

[2] Die von den EU3 ausgearbeiteten Entwurfstexte sind unter http://www.acronym.org.uk/docs/0606/doc01.htm zu finden.

[3] Vgl. Andrew Koch: Iran uranium source revealed, Jane’s Defence Weekly, 10.08.2004 und Gero von Randow: Atomdeal gesucht, in: Die Zeit, Nr. 36, 26.08.2004.

[4] Mehr zu Ahmadinedschads ohnehin äußerst deplatzierten, im Übrigen auf die Sympathie der arabischen Massen zielenden, Äußerungen, siehe Gruppe Arbeiterfotografie: Äußerungen von Ahmadinedschad zum Holocaust verfälscht: Wie Medien den Iran-Krieg vorbereiten, NRhZ-Online (Neue Rheinische Zeitung), 12.04.2006; Jonathan Steele: If Iran is ready to talk, the US must do so unconditionally, The Guardian, 02.06.2006; sowie Ethan Bronner: Just How Far Did They Go These Words Against Israel?, The New York Times, 11.06.2006.

[5] Das Angebot kann unter http://www.washingtonpost.com/wp-srv/world/documents/us_iran_1roadmap.pd… eingesehen werden. Auch siehe v.a. Gareth Porter: Burnt Offering. How a 2003 secret overture from Tehran might have led to a deal on IranÂ’s nuclear capacity-if the Bush administration hadn’t rebuffed it, in: The American Prospect, Jg. 17, Nr. 6, Juni 2006, S. 20-25. Vgl. auch Ali Fathollah-Nejad: Iran in the Eye of Storm, www.uni-muenster.de/PeaCon/psr, Mai 2007, S. 28-31 (Abschnitt über “The Neocons in the Corridor of Power: The Fervent Drive for Regime Change Spurns Iran’s Grand Bargain Offer”).

[6] iran-report, Heinrich-Böll-Stiftung, Nr. 05/2007, S. 12.

[7] Zum Teheraner Abkommen, siehe Iran Ministry of Foreign Affairs: Statement by the Iranian Government and visiting EU Foreign Ministers, 21.10.2003.

[8] Siehe International Atomic Energy Agency: Communication dated 26 November 2004 received from the Permanent Representatives of France, Germany, the Islamic Republic of Iran and the United Kingdom concerning the agreement signed in Paris on 15 November 2004, Information Circular, INFCIRC/637, 26.11.2004.

[9] Vgl. IAEA Board of Governors: Implementation of the NPT Safeguards Agreement in the Islamic Republic of Iran, GOV/2003/75, Bericht des Generaldirektors, 10.11.2003, sowie ibid.: Implementation of the NPT Safeguards Agreement in the Islamic Republic of Iran, GOV/2004/83, Bericht des Generaldirektors, 15.11.2004.

[10] stern.de: “Das sind doch paranoide Slogans”, Interview mit Zbigniew Brzezinski von Katja Gloger, 18.11.2004.

[11] Vgl. Ruprecht Polenz: Wo bleibt das Zuckerbrot? Wer Iran vom Bau der Bombe abhalten will, muß etwas zu bieten haben, Die Welt, 27.11.2004; sowie Volker Perthes: The EU Needs a U.S. Input on Iran, in: European Affairs, Jg. 6, Nr. 4 (Herbst 2005), S. 17-20.

[12] Für eine Veranschaulichung der deutschen Iran-Politik, siehe die Bundestagsplenardebatte am 01.03.2007 (Wahlperiode 16, Sitzungsnr. 82 ).

[13] So beispielsweise torpedierte man den russischen Vorschlag, der von allen Verhandlungsparteien als vielversprechend eingestuft wurde. Dazu Mohssen Massarrat: Der Iran und Europas Versagen, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Mai 2006, S. 544-547, hier 544-545.

[14] Vgl. Kaveh L. Afrasiabi: Sideshows on Iran’s frogmarch to the UN, Asia Times, 07.02.2006.

[15] Dazu Siddharth Varadarajan: India’s anti-Iran votes were coerced, says former U.S. official. ‘New Delhi should walk away from Iran pipeline project’, The Hindu, 16.02.2007.

[16] Zur Entscheidung des IAEO-Gouverneursrats, siehe IAEA Board of Governors, Implementation of the NPT Safeguards Agreement in the Islamic Republic of Iran, GOV/2006/14, Resolution verabschiedet am 04.02.2006.

[17] The White House: The National Security Strategy of the United States of America, Washington, März 2006.

[18] Zu Letzterem, siehe Peter Baker/Glenn Kessler: U.S. Campaign Is Aimed at Iran’s Leaders, Washington Post, 13.03.2006, S. A01,.

[19] Dazu Jorge Hirsch: America’s Nuclear Ticking Bomb, The San Diego Union-Tribune, 03.01.2006; sowie die Doctrine for Joint Nuclear Operations aus dem Jahr 2006.

[20] Zu finden unter http://www.un.org/News/Press/docs/2006/sc8792.doc.htm.

[21] Demzufolge solle dem Land Zugang zur Technologie von modernen Leichtwasserreaktoren, eine “internationale Garantie eines permanenten Zugangs zu Nuklearbrennstoff” sowie internationale Zusammenarbeit im Bereich der Nuklearforschung gewährt werden. Während allen voran die westliche Nuklearindustrie sich nichts Sehnlicheres wünschen würde, als dass Iran diesem Deal zustimme, wurden Teherans Bedenken, eine vom Ausland unabhängige Kernenergieversorgung zu unterhalten, keinesfalls Rechnung getragen.

[22] CNN: Situation Room, Interview mit Sam Gardiner von Wolf Blitzer, 18.09.2006, Video unter http://www.youtube.com/watch?v=NcSK809U3Qs; Transskript unter http://thinkprogress.org/col-sam-gardiner-on-cnn-91806/.

[23] Vgl. Michel Chossudovsky: ‘Theater Iran Near Term’ (TIRANNT), Global Research, 21.02.2007 (revidiert am 23.02.), sowie ibid.: The War on Iran, Global Research, 01.04.2007.

[24] Ali Fathollah-Nejad: Teetering on the Brink of Disaster: The NeoconsÂ’ Decision to Bomb Iran, Global Research, 09.04.2007.

[25] Zu Moskaus Rolle, siehe Ali Fathollah-Nejad: Russian Roulette and the Iran War: Ulterior motives of an Iran War profiteer-and its risks, Global Research, 21.04.2007.

[26] Titel der konservativen französischen Tageszeitung Le Figaro vom 07.05.2007, dem Folgetag der Wahl Sarkozys.

[27] Siehe Wahlsendung von TV5 Monde am Abend des 2. Wahlganges am 06.05.2006.

[28] Über die immense globale Bedrohungslage bezüglich eines amerikanischen und/oder israelischen Nuklearkrieges, siehe Leonid Ivashov: Iran: the Threat of a Nuclear War, Strategic Culture Foundation online magazine, 30.03.2007, http://en.fondsk.ru/article.php?id=647.

[29] J. Fischer, idem.

[30] Andreas Zumach: Für den Irankrieg ist alles vorbereitet, taz, 25.02.2007, S. 3.

QUELLE

Ali Fathollah-Nejad (2007) Don’t blame the messenger for the message“? Wie die EU-Diplomatie den Weg für einen US-Angriff auf Iran ebnet, AUSDRUCK, Tübingen: Informationsstelle Militarisierung, Juni, S. 3–6;

ebenfalls erschienen auf Linksnet, 29.05. | in: Informationsstelle Militarisierung e.V. (Hg.), Studien zur Militarisierung EUropas 28/2007, 7 Seiten.